Am Ende der nervösen Warterei hat nur noch das Gerücht gefehlt, dass Bundeskanzler Alfred Gusenbauer zurücktritt, weil er sich mit seinem Kandidaten, Tenor Neil Shicoff, im Konflikt mit Kulturministerin Claudia Schmied nicht durchsetzen wird können. Nur das hat noch gefehlt, sonst aber kaum etwas.

Shicoff schon fix! Shicoff gibt von sich aus auf, um den Bundeskanzler nicht zu beschädigen! Shicoff nicht mehr Favorit! Shicoff zusammen mit einem anderen Opernchef – als Konsenslösung zwischen Ministerin und Kanzler! Schmied tritt zurück! Ioan Holender nun doch um zwei Jahre verlängert, um als Überganglösung zu fungieren. Tja. Es kam anders. Und letztlich überraschend. Dominique Meyer, Generalintendant des Pariser Theatre des Champs-Elysees, wird ab der Saison 2010/11 neuer Direktor der Wiener Staatsoper. Ihm zur Seite wird der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst als Generalmusikdirektor stehen.

Das ist zunächst eine erfreuliche Sache für den momentanen Staatsoperndirektor, der lange Zeit Welser-Möst favorisierte und sich zuletzt, nach eigenen Worten, dezent auch für Meyer eingesetzt hatte. Weiters ist es für den sich sehr früh, sehr weit aus dem Kulturfenster lehnenden Bundeskanzler peinlich, seinen Kandidaten Shicoff doch nicht durchgebracht zu haben. Anderseits gereicht es dem Kanzler jedoch zur Ehre, letztlich die Zuständigkeit seiner Ministerin respektiert zu haben, die sich nach vielen Gesprächen zu einem eigenen Vorschlag durchgerungen hat. Vielleicht hat Gusenbauer auch eingesehen, dass der unerfahrene Tenor mit den anstehenden Problemen der Staatsoper überfordert gewesen wäre und dass die Staatsoper Stars wie Shicoff nur auf der Bühne braucht. Aber niemanden, der sie nur repräsentiert. Die Staatsoper ist nämlich selbst der Star.

Was das Haus am Ring braucht, ist vielmehr eine erfahrene Person, die sich mit der letztlich angespannten Finanzsituation des Hauses und den Problemen des Repertoiresystems in täglicher Kleinarbeit bewährt. Meyer eilt immerhin ein guter Ruf voraus, er hat jahrelange Erfahrung in einer Opernführungsposition, hat ein gutes Verhältnis mit den Philharmonikern, setzt in seinem Haus auf Ensembleprinzip und hat auch mit der (französischen) Kulturpolitik Erfahrungen gesammelt. Mit welchem innovativen Konzept er die Ministerin überzeugt hat, wird man freilich noch sehen müssen.

Zudem sehr wichtig aber: Das Haus braucht endlich einen Musikchef, der das musikalische Niveau des Hauses auch im Aufführungsalltag gestaltet, uneitel hochkarätige Kollegen engagiert und vor allem: die Wiener Philharmoniker, die sich an der Staatsoper (nicht zu Unrecht) unterdotiert fühlten, aber auch immer mehr Tätigkeiten außerhalb des Hauses durchführen (Konzerte, Tourneen), in produktiver Weise auf die Arbeit in der Staatsoper einschwört. Franz Welser-Möst hat für diese Aufgabe gute Voraussetzungen. In Zürich hat er sehr gute Arbeit geleitet, ist Chef des Cleveland Orchestra, also Inhaber einer sehr angesehenen internationalen Position, die er freilich mit der neuen Wiener Aufgabe erst in Einklang wird bringen müssen. Auch zu den Wiener Philharmonikern hat er mittlerweile ein produktives Verhältnis. Und seine Repertoirevielseitigkeit ist verbürgt. Von der Papierform her ist die Entscheidung der Ministerin also eine gute. Dass sie hält, was sie verspricht, muss man hoffen. Aber die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet.