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Foto: APA/Mueller

Genf – Die aus Österreich stammende Top-Physikerin Felicitas Pauss von der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich bewirbt sich um den Posten der Generaldirektorin des Europäischen Forschungszentrums CERN bei Genf (Schweiz). Auf Grund ihrer hervorragenden wissenschaftlichen Leistung und ihrer bemerkenswerten Karriere wurde Felicitas Pauss von Österreich und der Schweiz gemeinsam für den Job nominiert, erklärte Wissenschaftsminister Johannes Hahn am Montag bei einem Besuch im CERN.

Die Entscheidung über die Nachfolge des derzeit amtierenden Generaldirektors, Robert Aymar (Frankreich), ab Anfang 2009 wird im CERN-Council gefällt, in dem je ein Vertreter aller derzeit 20 Mitgliedsländer mit jeweils einer Stimme sitzt. Im September wird eine Short-List aus den BewerberInnen erstellt, die Entscheidung soll im Dezember fallen.

Hahn sieht "gute Chancen"

Für Hahn verbindet Felicitas Pauss, die bereits jahrzehntelang am CERN gearbeitet hat und auch an der ETH Zürich in führender Position tätig war, "auf idealtypische Weise wissenschaftliche Kompetenz und Erfahrung im Wissenschaftsmanagement". Ihre Chancen auf die Position stünden gut, "was wir bisher an Bewerbungen gehört haben, macht mich nicht nervös", sagte der Minister, der in der Wissenschafterin auch eine "Botschafterin der Grundlagenforschung" sieht.

LHC – der neue Teilchenbeschleuniger

Sollte Pauss das Rennen machen, würde ihre fünfjährige Amtszeit in eine wissenschaftlich aufregende Zeit fallen. Am CERN soll – nach diversen Rückschlägen um einige Monate verzögert – im Frühjahr 2008 ein neuer Teilchenbeschleuniger in Betrieb gehen. Der LHC (Large Hadron Collider) wird von den Verantwortlichen als "ehrgeizigstes Wissenschaftsprojekt aller Zeiten" beschrieben. Der milliardenteure Beschleuniger wurde in einen bereits bestehenden kreisförmigen Tunnel von 27 Kilometern Länge eingebaut.

In der Röhre werden Protonen nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht. Dabei entstehen derart hohe, bisher nie erreichte Energien, dass sich die Elementarteilchen in ihre Bestandteile zerlegen und Bedingungen vorherrschen, wie es sie nur wenige Momente nach dem Urknall gegeben hat. Die Wissenschafter erhoffen sich dadurch ein noch tieferes Verständnis über den Aufbau der Materie und Antworten auf die Fragen nach dem Ursprung der Masse und dem Wesen der dunklen Materie im Universum.

Das Forschungszentrum CERN

Das 1954 gegründete CERN ist das weltweit größte Forschungszentrum für Teilchenphysik. Derzeit tragen 20 europäische Mitgliedstaaten diese Forschungseinrichtung, Österreich ist seit 1959 dabei. Im Zentrum direkt sind rund 2.500 Menschen beschäftigt, dazu kommen noch 6.500 Gastwissenschafter, die Hälfte aller Teilchenphysiker der Welt, ans CERN, um hier zu forschen. Das Forschungszentrum verfügt über ein Jahresbudget von rund 700 Mio. Euro.

Entsprechend seiner Wirtschaftsleistung bezahlt Österreich davon einen Anteil von 2,17 Prozent, das sind 14 Mio. Euro jährlich. Zusätzlich hat Österreich seit 1995 für den LHC-Bau 38 Mio. Euro bezahlt. Rund 60 Österreicher arbeiten permanent am CERN, dazu kommen weitere 50 österreichische Wissenschafter, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Uni Innsbruck an das CERN entsandt sind. Zudem offeriert das Wissenschaftsministerium "CERN-High-Tech-Stipendien", um das vielfältige Know-how am CERN für die Ausbildung zu nutzen.

>>> Biografie

Geboren am 26. März 1951 in Vorau (Steiermark), wuchs Pauss in Salzburg in einer Musikerfamilie auf. Von klein auf spielte sie mehrere Instrumente, hatte aber immer auch eine Affinität zur Technik. Gegen den Rat von Eltern und Lehrern, die meinten, dass Physik doch nichts für Mädchen sei, studierte sie Theoretische Physik und Mathematik an der Universität Graz, wo sie 1976 promoviert wurde. Nach Assistententätigkeit an der Uni Graz folgten Forschungstätigkeiten am Max Planck-Institut für Physik in München, an der Cornell University (USA) sowie am CERN. Sowohl in den USA als auch am CERN arbeitete sie bereits an Beschleuniger-Experimenten.

Direktorin an der ETH

1991 begann Pauss an der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich zu arbeiten. Zwei Jahre später wurde sie dort Professorin für experimentelle Teilchenphysik. Von 1997 bis 2006 war sie Direktorin des 125 Mitglieder umfassenden Instituts für Teilchenphysik an der ETH. Mehrfach hatte die Wissenschafterin auch schon die Chance auf die ETH-Präsidentschaft, schlug dieses Job-Angebot bisher jedoch aus.

Wissenschaftlich hat Pauss in den vergangenen 30 Jahren an der "Hoch-Energie-Front" der Teilchenphysik gearbeitet und dabei mehr als 400 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Sie war und ist Mitglied zahlreicher internationaler wissenschaftlicher Komitees. Als eine ihrer aufregendsten Erlebnisse beschreibt sie ihre Beteiligung an der mit dem Physik-Nobelpreis (Carlo Rubbia und Simon van der Meer, 1984) ausgezeichneten Entdeckung des Z-Bosons am CERN 1983. Dieses ist ein Elementarteilchen, welches laut dem Standardmodell der Physik die schwache Wechselwirkung, eine der vier Grundkräfte der Physik, überträgt. Zudem hat Pauss über ihre Beteiligung am "Magic"-Teleskop in La Palma (Kanaren) Erfahrung in Astro-Physik.

Zusammenarbeit

Von der Musik, so sagte Pauss kürzlich in einem Interview, habe sie die Präzision gelernt und ihre Liebe zum Zusammenspiel. Großexperimente, wie sie am CERN durchgeführt werden, seien wie ein Orchester, wo einzelne Physiker aus verschiedenen Fachgebieten sehr gut zusammenspielen müssen.

In Österreich wurde die Karriere Pauss' in den vergangenen Jahren kaum beachtet. Seit 2006 ist sie im Wissenschaftlichen Beirat der Universität Wien. 2003 wurde sie mit dem Großen Ehrenzeichen des Landes Steiermark ausgezeichnet. (APA/red)