Lissabon - Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat gegen einen führenden Ermittler im Fall der verschwundenen Madeleine Anklage erhoben. Der Kriminalbeamte steht nach Medienberichten vom Montag im Verdacht, in einem früheren Fall, bei dem es ebenfalls um das Verschwinden eines Mädchens ging, Beweismittel unterschlagen zu haben.

Der Beamte hatte vor drei Jahren im Fall der neunjährigen Joana Cipriano ermittelt, die ebenso wie das britische Mädchen Madeleine in Südportugal spurlos verschwunden war. Joanas Mutter gestand damals, ihre Tochter ermordet zu haben. Angeblich wollte die Frau damit eine Liebesbeziehung mit ihrem Bruder verheimlichen, von der das Mädchen erfahren haben soll. Die Mutter wurde zu 16 Jahren und acht Monaten Haft verurteilt, obwohl die Leiche der Tochter nie gefunden wurde.

Geständnis mit Gewalt erzwungen

Ihr Geständnis soll mit Gewalt erzwungen worden sein. Dem Kriminalbeamten wurde von der Anklagebehörde zur Last gelegt, Foltervorwürfe gegen vier Polizisten verschwiegen zu haben. Nach dem Gesetz wäre er verpflichtet gewesen, der Justiz sofort Meldung zu erstatten. Die Beamten wiesen die Vorwürfe zurück und kündigten eine Gegenklage gegen die Staatsanwaltschaft an. Die Mutter von Joana will nun eine Wiederaufnahme ihres Prozesses erreichen. Sie erklärte, ihre Tochter nicht ermordet, sondern ins Ausland verkauft zu haben.´

Eltern in Marokko

Die Eltern der entführten Madeleine sagten, sie seien "geschockt" von den Vorwürfen gegen den Ermittler. Sie wollten am Montag in Marokko die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach dem verschwundenen Mädchen bitten. Kate und Gerry McCann trafen am späten Sonntagabend in Casablanca ein. Am Montag wollten sie unter anderem mit dem dortigen britischen Botschafter und Vertretern von Organisationen zum Schutz der Kinderrechte zusammentreffen.

Nach Angaben eines britischen Diplomaten war zunächst unklar, ob ein von den Eltern angefragtes Treffen mit dem marokkanischen Innenminister Chakib Benmoussa und dem Leiter des dortigen Interpol-Büros zu Stande kommen würde. Das Paar wollte am Dienstag nach Portugal zurückkehren. Im Anschluss fuhr das Paar nach Rabat weiter.

Zeugenaussage aus Marrakesch

Grund für die Reise der McCanns war den Angaben zufolge die Aussage einer 45-jährigen Norwegerin. Diese hatte im Mai gegenüber der Zeitung "Correio da manha" gesagt, sie habe Madeleine "in einem hellblauen Schlafanzug" an einer Tankstelle südlich von Marrakesch gesehen.

Die vierjährige Madeleine war am 3. Mai aus einer Ferienanlage in Praia da Luz an der Algarve verschwunden, während ihre Eltern in einem nahe gelegenen Restaurant zu Abend aßen. Die portugiesische Justiz hat im Zusammenhang mit dem Verschwinden des Mädchens hunderte Menschen befragt. Sie geht von einer Entführung aus. (APA/dpa)