Gerechtigkeit und Vielfalt – das sind zwei Argumente, die für das seit der Nationalrats-Wahlordnung 1992 in Österreich aus gutem Grund festgeschriebene Verhältniswahlrecht sprechen.

Nach dem Verhältniswahlrecht bekommt jede Partei etwa den Anteil an Mandaten im Parlament, den sie auch an Stimmen hat. Das führt zu einer genauen Abbildung des WählerInnenwillens, das Gesamtergebnis wird im Parlament unverzerrt wiedergegeben. Dem Wunsch der WählerInnen wird nachgegangen, so wie es sein soll. Denn genau deswegen stellen sich die BürgerInnen an Wahlsonntagen ja im Wahllokal an: um ihre Meinung in den politischen Prozess miteinzubringen. Dass das Ergebnis dann den WählerInnenwillen repräsentiert, muss selbstverständlich sein.

Das Verhältniswahlrecht bedeutet also Gerechtigkeit, denn auch kleine Parteien haben die Möglichkeit ins Parlament einzuziehen, die Politik mitzugestalten und mitzubestimmen. Das wiederum gewährleistet die Vielfalt in der politischen Kultur. Den Anliegen der "Kleinen" wird im Parlament Aufmerksamkeit geschenkt.

Andere Wahlsysteme, wie das oft angepriesene Mehrheitswahlrecht, werten hingegen die Rechte kleinerer Parteien ab. Das Mehrheitswahlrecht führt zu Zwei-Parteien-Systemen.

Die Befürworter des Mehrheitswahlrechts finden anscheinend gerade das gut, denn so kann "fleißig" gearbeitet werden: Eine Partei kann all ihre Ideen umsetzen – ob sie gut oder schlecht sind. Bremsen kann sie kaum jemand. Eine Partei fährt über die Vorschläge der anderen drüber. Das kann aber nicht das sein, was unter politischer Vielfalt zu verstehen ist.

Nicht umsonst wird das Mehrheitswahlrecht oft mit dem Spruch "The Winner takes all, the Loser gets nothing" beschrieben. Auf die Wünsche und Bedürfnisse der Loser wird die gesamte Legislaturperiode nicht eingegangen, auch wenn sie nur knapp verloren haben.

Die ÖVP würde in Österreich momentan im Abseits stehen. Obwohl der Gedanke im ersten Moment verlockend ist, dass es keine Koalitionsstreitereien – und damit kein Gezanke Kdolsky-Buchinger, kein zornerfüllter Schlagabtausch Kalina-Missethon und keine Verantwortungsherumschiebereien Darabos-Platter – gibt, sollte klar sein, dass dadurch ein Stück politischer Freiheit verloren geht. Und das wäre schade, denn der Politik-Kuchen ist für alle da und jeder sollte mitreden und mitnaschen können. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 3.8.2007)