"Ich will keine Kontroversen auslösen", behauptet Stephen Minger, und macht es doch. Er gehört zu den Pionieren der britischen Stammzellforschung. Nun will er Chimären gewinnen. Edda Grabar sprach mit ihm.

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STANDARD: Herr Minger, Sie sind hier auf einer Konferenz von Sozialwissenschaftern. Haben Sie sich verlaufen?

Minger: Oh nein. Es geht schließlich um die politischen und sozialen Rahmenbedingungen von biomedizinischer Forschung. Das ist für Menschen wie mich, die diese Wissenschaft betreiben, ausgesprochen wichtig. Nahezu jede Nation hat ihre eigenen Definitionen und Regeln für embryonale Stammzellforschung.

Auf der anderen Seite ist gerade dieser Forschungszweig auf internationale Kooperationen angewiesen. Betrachten Sie nur die USA: Zwei Lösungen für eine Nation. Staatlich gefördert ist die embryonale Stammzellforschung praktisch unmöglich. Privat dürfen die Wissenschafter hingegen machen, was sie wollen. Eine paradoxe Situation.

STANDARD: Was lernen Sie von Sozialwissenschaftern?

Minger: Etwa wie solche Regeln entstehen. In Amerika haben religiöse Gruppen einen enormen Einfluss. Dasselbe würde man von Deutschland und Österreich annehmen. Doch hier sind die grünen Bedenken ebenso wichtig. Da hat sich eine Allianz gefunden, die auf anderen Gebieten ganz unterschiedliche Ansichten vertritt.

Wir arbeiten mit Wissenschaftern all diesen Nationen zusammen. Daher sollte man auch die Hintergründe kennen, die ihre Forschung erheblich beeinflussen. Nicht zuletzt lernen wir Naturwissenschafter auch, wie wir die Politik beeinflussen können.

STANDARD: Sie haben kürzlich für Diskussionen gesorgt, weil Sie vorhaben, menschliche Zellkerne in tierische Eizellen zu setzen, um embryonale Stammzellen zu gewinnen?

Minger: Ich wollte gar keine Kontroverse auslösen. Meine Überlegungen sind ausgesprochen pragmatisch: Wir wollen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson in embryonalen Stammzellen nachbilden. Würde man mit geklonten embryonalen Stammzellen arbeiten, würden wir möglicherweise tausende Eizellen von Frauen benötigen, um nur einige passende Zelllinien zu gewinnen.

Das ist nicht zu rechtfertigen. Also haben wir nach Alternativen gesucht. Um aber eines klarzustellen: Kein Mensch würde damit behandelt. Das ist reine Grundlagenforschung, um künftig vielleicht Wirkstoffe zu testen.

STANDARD: Erst vergangene Woche zeigte Ihr Kollege Rudolf Jaenisch, wie das auch gänzlich ohne Eizellen funktionieren könnte. Er programmierte Zellen um. Eine weit gehend unproblematische Lösung?

Minger: Oh ja, die Arbeit ist sehr aufregend. Das Verfahren wurde aber lediglich an Mauszellen demonstriert. Noch etwas sollte man dazu wissen: Jaenisch hatte nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein politisches Interesse, die Methode zu entwickeln. Er will in den USA an Stammzellen forschen, ohne Embryonen zu verbrauchen - aus den oben genannten Gründen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13. Juni 2007)