Es genügt, Youtube aufzurufen und "Sarkozy" einzugeben. Zu sehen ist der französische Präsident, wie er sich vorige Woche bei einer G8-Pressekonferenz in Heiligendamm mit schwerer Zunge für die Verspätung entschuldigt: Sein Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin habe länger gedauert.

Ein Lachen unterdrückend, räuspert er sich, greift sich an die Nase und fragt dann stockend, ob die Journalisten Fragen stellen wollen; er lallt Unverständliches, wiederholt die Frage, während seine Körpersprache und sein leerer Blick nur einen Schluss zulassen: Sarkozy ist nicht ganz Herr seiner selbst.

Den Rest der Pressekonferenz meisterte Sarkozy dann problemlos. Das kurze Video aber macht im Internet trotzdem die Runde; mehr als eine Million Interessierte sahen es, und in französischen Gesprächsforen wird eifrigst debattiert. Wie kann sich ein frisch gewählter Staatspräsident bei einem solchen Anlass zu einem so unangebrachten Verhalten hinreißen lassen, fragen viele Franzosen. Andere verweisen darauf, dass Sarkozy an sich keinen Alkohol trinke; deshalb müsse er die Wirkung besonders stark gespürt haben, wenn ihm Putin Wodka angeboten habe.

Die Debatte findet in Frankreich weitgehend ohne die offiziellen Medien statt. Von den TV-Stationen TF1, F2 und F3 zeigte bisher keine den kurzen Filmausschnitt, und nur wenige Zeitungen setzten den Internetlink kommentarlos online - um ihn alsbald wieder zu entfernen. Auf Druck des Elysées? Das belgische TV musste sich entschuldigen, weil der Moderator den Filmausschnitt mit der Bemerkung kommentiert hatte, der französische Präsident habe "offenbar nicht nur Wasser getrunken".

Die Debatte dreht sich nicht mehr nur um Trink-, sondern vor allem um Mediensitten. Schon im Wahlkampf hatte es Fälle von Selbst- oder Direktzensur gegeben, die einen schalen Nachgeschmack zurückließen. Ein wenig wie bei einem Kater. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2007)