Das Schönste am Neusiedler See ist zu beobachten, wie sich das trübe, graue Wasser des Sees mit dem braunen und teilweise klaren Wasser aus dem Schilfgürtel vermischt. Die Erklärung dafür ist denkbar einfach, zumindest für Alois Herzig, den Leiter der Biologischen Station Neusiedler See in Illmitz. Die braune Farbe kommt von den Huminstoffen der Pflanzen. Dadurch, dass der See so seicht ist und das Sediment durch den Wind aufgewirbelt wird, erfolgt auch die Durchmischung kontinuierlich. Und so entsteht die graue Farbe.

"Es ist für viele Menschen unvorstellbar, wie so eine trübe Suppe die höchste Wasserqualität haben kann." Das liege an der hohen Selbstreinigungskapazität, die durch den filternden Schilfgürtel und das ständige Aufwirbeln des Wassers erfolgt, erklärt der Wissenschafter. Bevor die Kläranlagen in den umliegenden Ortschaften funktioniert haben, hat man wegen der Trübe nicht gesehen, dass „da schon längst die Alarmglocken läuten“. Doch das war in den 1970er-Jahren, und mittlerweile ist das mit dem Abwasser geklärt. Der Neusiedler See ist mesotroph, ist also in einem mittleren Trophiezustand, "aber rein bakteriell hat er einwandfreies Wasser", sagt Herzig.

Richard Haider steuert das Kajütboot der Biologischen Station mit mäßiger Geschwindigkeit durch den Verbindungskanal von der Station zum See und verlangsamt dort die Geschwindigkeit. "Montags ist Seetour angesagt", sagt der Mitarbeiter der Station, die von der Burgenländischen Landesregierung betrieben wird. Die Landesregierung denkt auch daran, dem See künstlich Wasser zuzuführen, um dessen Austrocknung wegen des kontinuierlich sinkenden Wasserstandes zu verhindern. Den nämlich misst Haider auf seinen Touren und entnimmt Proben an verschiedenen Punkten des Sees. Mit dem Blick auf einen Stelzenläufer, der im Schilfgürtel watet, sagt er zufrieden: "Heuer ist der Wasserstand gut."

Seit 40 Jahren gibt es zu den verschiedenen Aspekten des Sees zuverlässige Daten, aufgrund derer man Aussagen treffen und einen Trend, was den Klimawandel betrifft, feststellen kann. Und der gehe eindeutig in Richtung Temperaturzunahme des Wassers, weiß Alois Herzig: "Das wird Ihnen jeder Einheimische sagen, aber es ist auch messbar und statistisch abgesichert." März und Mai seien die zwei Monate, in denen es extrem wärmer geworden sei. Extrem heiß bedeutet, die Temperatur liegt 1,5 bis zwei Grad über der normalen Temperatur. Was für Alois Herzig überraschend ist, sind die Daten zum heurigen Winter: "Es war kein Trend ablesbar." Alle drei, vier Winter haben die Neusiedler Seebewohner einen relativ warmen Winter. Auch in diesem Jahr ist der See nicht zugefroren, und es gab erstmals Temperaturen von fünf, sechs Grad in den Wintermonaten. "Aber das reicht nicht, um zu sagen: 'Halt! Das ist es!.' Wenn ich die vergangenen 30 Jahre nehme, dann ist das der erste Ausreißer." Was Herzig mehr zu schaffen macht, ist das "Halbwüstenklima" im Seegebiet, das sich mit 380 Millimetern Regen in den vergangenen fünf Jahren bemerkbar machte. Die Regendatenprognose ist ein großer Schwachpunkt, weil die Niederschlagsmengen an unterschiedlichen Punkten des Neusiedler Sees sehr schwanken. "Der Neusiedler See wird zu 80 Prozent vom Regen gespeist. Wenn wir weniger Regen haben, sinkt der Pegel automatisch, weil 80 Prozent wieder verdunsten, und viele Zuflüsse gibt es nicht. Wenn wir keinen Regen haben, dann haben wir Pech." Genau wie 1865, als der See zuletzt ausgetrocknet war.

Für das System und das Zusammenspiel zwischen Flora und Fauna ist der fluktuierende Wasserspiegel optimal. Im Winter erfolgt die Befüllung, und es findet keine Verdunstung statt. "Im Idealfall ist der gesamte Schilfgürtel mit Wasser bedeckt, also 320 Quadratkilometer sind Wasser“, skizziert Herzig. "Das Schilf wird nur in den Wintermonaten gemäht, und das auch nur in der Bewahrungszone", weiß auch Richard Haider von der Biologischen Station. Die Schutzzone soll bleiben wie sie ist, lautet die Vorschrift im Nationalpark Neusiedler See Seewinkel. Das Gleiche gilt auch für die Wiesen, die, so sie nicht gemäht werden, von den Tieren, etwa den Rindern des Nationalparks, beweidet werden. Das ist zum Beispiel in Sandeck so, wo sich auch die weißen Esel finden. Wenn die Vegetation nicht so hoch ist, sieht man auch Rehe über die Wiesen eilen, ansonsten ist der Hochstand, der früher von den Ungarn als Wachturm benützt wurde, dabei behilflich, vieles im Auge zu behalten. Der Regelwasserstand des Neusiedler Sees ist niedrig: 115,70 Meter über der Adria ist der höchste Punkt, den er erreicht. Bei 116 Metern rinnt der See aus, und die Schleusen werden geöffnet, damit das Gebiet nicht überflutet wird. Wenn es nach Alois Herzig ginge, so könnte man den Stand ruhig anheben.

Fast alle Fische laichen im Schilfgürtel, und je voller das Becken ist, desto besser sind die Zugangsmöglichkeiten und desto besser ist auch der Reproduktionsprozess, erklärt Experte Herzig weiter. Wenn der Wasserstand im Sommer absinkt, werden einige Fische in den Arealen eingesperrt, und das wird zum "Eldorado für die Reiher". Gäbe es einen konstanten Wasserspiegel, würde das System nicht funktionieren. Je höher die Temperatur, desto höher die Nahrungsaufnahme. Manche Arten schaffen es, im Frühjahr schneller da zu sein und sich schneller zu entwickeln. Manche Arten aber werden durch die höheren Temperaturen geschädigt, weil sie sich nicht angepasst haben. "Eine genaue Prognose lässt sich nicht erstellen", sagt Herzig. Dazu müsste man die Arten einzeln betrachten.

Ein Problem wurde bereits in England beobachtet, weiß der Ornithologe Hans Winkler vom Wiener Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung. Bei einigen Vögeln passt das Timing mit der Entwicklung der Vegetation und somit der Nahrung nicht mehr zusammen, was möglicherweise größere Konkurrenz auslöst. Doch auch das könne man nur vermuten, jedoch noch nicht beweisen.

Auf dem Weg von der Station nach Sandeck ist der Weg, wie der Name sagt, sandig. Die aufgelassenen Weingärten mit den verdörrten Stöcken tragen dazu bei, dass das Bild einer Wüste entsteht. Das jedoch hat nichts mit der Wasserknappheit in dem Gebiet zu tun, "das von Haus aus eine prekäre Situation mit dem Niederschlag hat", sagt Bernhard Kohler vom WWF. Nach dem Weinskandal sei der Weinbau rückläufig, erklärt der Ornithologe, der seit mehr als 20 Jahren im Seewinkelhof bei der Langen Lacke, östlich vom Neusiedler See, arbeitet. Dort wurde der WWF Österreich auch gegründet, jedoch war nicht der Klimawandel ausschlaggebend, sondern die Sorge um die Hutweide- und Steppenflächen, die in Acker- und Weinbauflächen umgewandelt wurden. "Im Gebiet Seewinkel und Neusiedler See wurden massive Eingriffe in den Wasserhaushalt vorgenommen, um Landflächen zu gewinnen", sagt Kohler. Steppengewässer seien anfällig für Klimaschwankungen, und wenn sich auf der Niederschlagsseite etwas ändere, dann werde es problematisch. Denn einerseits steigt mit der Erwärmung die Verdunstung, und andererseits werde noch immer Wasser für die Landwirtschaft abgeleitet. Doch Grundwasser "ist überlebenswichtig für die Salzlacken".

Eine Hilfe wäre, die Entwässerungskanäle zu schließen. Mittels eines Modells müsste man sich anschauen, welche Gebiete von einem Hochwasser und welche bei geschlossenen Kanälen betroffen wären. "Das wäre ein Programm für Jahrzehnte", sagt Kohler, "aber so viel Zeit haben wir nicht." Die Salzlacken verschwinden von der Landkarte. In den vergangenen 20 Jahren sind bereits zehn Lacken verschwunden. "Die Lange Lacke gibt es seit 20.000 Jahren", gibt Kohler zu bedenken. Doch unter dem Lackensterben leiden nicht nur die Kartografen, sondern auch Salzspezialisten wie Säbelschnäbler, Seeregenpfeifer, die Salzkresse oder das Kampfergras. Das sind Arten, die an der Meeresküste und in asiatischen Steppen- und Halbwüstengebieten beheimatet sind, und eben auch in Österreich. Kurioserweise brauchen die Halbwüsten einen hohen Grundwasserspiegel, denn der Salzboden braucht einen nach oben gerichteten Grundwasserstrom, damit das Salz an die Oberfläche gebracht wird und das Wasser verdunstet. Für die Pflanzen ist das Lackensterben dramatisch, weil dadurch auch sie sterben. Bei den Vögeln könnte man annehmen, dass sie einfach davonfliegen. Kohler winkt ab: Der Säbelschnäbler zum Beispiel kommt in der näheren Umgebung erst wieder in Zentralungarn vor. Und dort ist das Gebiet schon besetzt, die derzeit 200 österreichischen Brutpaare könnten also nicht ausweichen. Grundsätzlich würde es dem Gebiet aber nichts ausmachen, wenn es durch die Klimaänderung wärmer würde und die Extremwetterereignisse, wie lange Tockenperioden und Starkniederschläge, eintreten, meint Kohler: "Solange das Wasser zurückgehalten und nicht abgeleitet wird, könnte es funktionieren." (Marijana Miljkovic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 6. 2007)