Mürzzuschlag – Seinen verstörend zeilenumbrochenen Gedichttexten eignet in Wahrheit die Ordnung des Reißnagels.

Paul Wühr (bald 80), der große, ungebärdige, mit Gott und der Welt seine wütenden Sträuße ausfechtende Jahrhundertlyriker, stellt seinen Gebilden zumeist ein schmuckloses Wort voran – eine Präposition, ein Pronomen, eine Konjunktion –, das den Zeilenfall seiner wie Katarakte herabstürzenden Gedichte einleitet: Reißnägel, befestigt im Weiß der Buchseite (und es ist dem Münchner Hanser-Verlag gar nicht hoch genug anzuerkennen, dass er am Eigensinn Wührs sozusagen unverdrossen fest hält – und viele Hundert weißer Seiten für Wührs Abrechnungen mit der Wirklichkeit und deren ideologischen Zurichtungen zuverlässig bereit hält).

Der aus Bayern gebürtige, seit langem in Italien lebende Wühr hat mit dem Gedichtband Dame Gott seinem Werk 2007 eine Art Kommentarband hinzugefügt: ein theologisch wahnwitziges Stieren und Probieren – "ob" denn (und "ob" ist ein klassisches Wühr-Einleitungswort!) das menschliche Fortpflanzungsgeschäft einem monotheistischen Schöpfergott zugerechnet werden könne. Oder ob wir nicht besser beraten wären, Herkunft, Ziel und Grund unserer Existenz einer sinnlich erfahrbaren Umkehrbarkeit der Dinge zuzurechnen.

Dichten gegen das, was man die Verfestigung unhinterfragter, unliebsamer Werte bezeichnen könnte: Wühr, der heute, Samstag, im Stift des Refektoriums Neuberg den Ernst-Jandl-Preis für Lyrik aus den Händen von Kunstministerin Claudia Schmied überreicht bekommt (14.600 Euro), unterzieht die Nägel, die er verlässlich einschlägt, den unglaublichsten Haltbarkeits- und Belastungstests: "Von// einer Annäherung ihres Loches/ an eine gewisse Fallsucht wie sie sich hier/ darbringt" ist es eben nicht weit zum Lob- und Hochgesang einer Sinnlichkeit, die den "Sex" außen vor lässt, um rhetorisch gewitzt nach den Quellgründen der Begehrlichkeit zu fragen.

Wühr-Gedichte sind philosophisch-philologische Beweisführungen: dem Augenblick verhaftet, der Mehrstimmigkeit syntaktischer Ausdrucksformen verpflichtet. Man wird in den Gedichten keine "Innerlichkeit" finden. Man muss (in) ihnen nachforschen, um die Vorläufigkeit sinnlicher Beweggründe anschaulich gemacht zu bekommen. Im Zuge der Jandl-Lyriktage in Neuberg/Mürz wurden die Literaturwissenschafter Jörg Drews und Klaus Reichert mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.06.2007)