Im vierten Monat ihrer Offensive in Afghanistan machen die Nato und die USA überall Schuldige aus, um die wachsende Zahl ziviler Opfer in diesem Krieg zu erklären: die Taliban natürlich, den Iran, der - so behauptet die US-Regierung nun - die radikalislamischen Milizen mit Waffen unterstütze, Al-Kaida schließlich, deren Kämpfer sich sogar hinter Kindern verbergen und sie als Schutzschilde missbrauchten. Wenigstens sieben Schulkinder starben nun bei einem nächtlichen Bombardement durch die US-Armee. Diese könnte es nicht besser machen, um den ihr verbliebenen Rückhalt in Afghanistan zu verspielen und den Widerstand in der Bevölkerung, die Toleranz gegenüber den Terroristen zu befördern.

Verliert der Westen Afghanistan, so wie die USA den Irak verloren haben? Das Bild von der militärischen Lage im Land, das die Nato-Führung zu schönen versucht, lässt diesen Schluss zu. Den Taliban gelang in den zurückliegenden Monaten die Rückkehr in den Westteil Afghanistans, Selbstmordanschläge und Zusammenstöße zwischen Anhängern des Usbeken Dostum mit der Polizei im bisher relativ friedlichen Norden des Landes zeigen, wie brüchig das Konzept von den sich ausbreitenden, gegenseitig stabilisierenden Zonen im Land in Wahrheit ist.

Das Verteidigungsministerium in Kabul wird bisweilen gefragt, bevor Nato-Truppen zivile Ziele unter Beschuss nehmen - im Fall des Lagers mit den Schulkindern an der Grenze zu Pakistan geschah es nicht. Eine Koordination zwischen Nato-Truppen und afghanischen Regierungstruppen gibt es für Einsätze am Boden, nicht aber für Bombardements durch die Luftstreitkräfte der Allianz. Die Nato sollte ihre eigenen Regeln für Militäreinsätze in Afghanistan ernst nehmen - es wäre die beste Chance, um die Niederlage zu verhindern. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2007)