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"Alles, was sich knapp über mittlerem Stammtischniveau zusammenrottet, wird mit einer Bergmetapher geadelt. Alle drei Tage gipfelt es irgendwo auf der Welt."

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Der Gipfel der Volksmusik, der Gipfel der Gesundheitsforscher, Schwammerlzüchter, Bierbrauer – alles was sich knapp über mittlerem Stammtischniveau zusammenrottet, wird dieser Tage mit einer Bergmetapher geadelt. Ein Gipfeltreffen sei etwas sehr bedeutendes, außergewöhnliches und jedenfalls etwas hohes, lautet das Signal. Und es ist gar nicht so einfach, den Überblick zwischen zunehmend inflationär stattfindenden Gipfelzusammenkünften zu bewahren. Alle drei Tage, so scheint es, gipfelt es irgendwo in der Welt.

Schon wer sich für eine kleine Phänomenologie solcher Treffen auf das Politische beschränkt, hat ein schweres Gipfelkreuz zu schultern. Es gibt – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – Gipfel der G8, UNO, Arabischen Liga, Asiatisch-Pazifischen Staaten, der Organisation ölproduzierender Länder, der Organisation Amerikanischer Staaten. Und dann ist da natürlich noch die EU, die es in dieser Disziplin zu großer Meisterschaft gebracht hat. Die EU-Staatenlenker treffen einander mindestens dreimal pro Jahr. Dazu kommen in schöner Regelmäßigkeit EU-Gipfel mit den USA, Kanada, Japan und Russland, mit Afrika, Lateinamerika und Asien. In den meisten Fällen – wie beim kommenden Verfassungsgipfel in Brüssel – wird erwartet, dass dabei die politische Plattentektonik deutlich in Schwung gerät. Unter Krachen und Erschütterungen sollen sich Verhandlungsmassen bewegen.

Das p.t. Publikum

Geboten dagegen bekommt das p.t. Publikum vorfahrende Limousinen-Konvois, blasse Koffer- und ernst blickende Amtsträger, die ewig gleichen Handshakes. Also mithin politisches Prekariat, das die ohnehin schon knappe politische Aufmerksamkeitsspanne der Bürger noch schrumpfen lässt.

Als das Reisen noch beschwerlicher war, fuhren die Mächtigen aus, wenn es tatsächlich etwas zu besprechen gab. Zum Wiener Kongress schickten sie Emissäre. Bei der Kongo-Konferenz in Berlin brachten sie mithilfe eines „ehrlichen Maklers“ ihre kolonialen Ansprüche in Afrika in Einklang. In Jalta teilten Roosevelt, Churchill und Stalin Europa persönlich in Einflusssphären auf. Heute dagegen signalisiert die unermüdliche Reise- und Gipfeldiplomatie Dynamik, wo meistens keine ist: Schon wieder ein Gipfel, schon wieder eine Krise, schon wieder keine oder nur eine halbe Lösung.

Der Flurfunk

Noch einmal das Beispiel EU: Die Staats- und Regierungschefs setzen sich in der ausschließlich für sie reservierten „Roten Zone“ unter dem Dach des Brüsseler Justus-Lipsius-Gebäudes ins Einvernehmen. Nach außen dringt die jeweilige Sachlage aber nur bruchstückhaft. Hin und wieder trägt der Flurfunk etwas in die zum Pressezentrum umfunktionierte Tiefgarage, manchmal verbreiten Adlaten der Mächtigen ihre Version über den Stand der Dinge. Das Gipfelmenü wird immer bekannt, gelegentlich auch ein paar saftige Sager bei Tisch: „Ich habe geglaubt ihr könnt kochen, aber nicht einmal das stimmt.“ (Jacques Chirac zu Silvio Berlusconi beim völlig fehlgelaufenen Dezembergipfel 2003).

Was am Ende aber genau beschlossen wird, wissen oft nicht einmal die Regierungschefs selber. Bei der Einigung über den EU-Finanzrahmen im Dezember 2005, hatte jede der Delegationen (inklusive britischer Präsidentschaft) auf Waschzetteln ihre eigene Rechnung, aber keinen Überblick mehr über das Ganze.

Sauerstoffmasken

Gipfel dieser Art sind selbst von professionellen Teilnehmern nur noch mithilfe von Sauerstoffmasken zu bezwingen. Erwartet sich die Öffentlichkeit Klarheit, herrscht nach einem solchen Treffen regelmäßig das Gegenteil. Die meisten Bürger können das offenbar erforderliche Abstraktionsniveau nicht mehr bewältigen. Das demokratische Verfahren – insbesondere in der spezifischen Form der EU – ist zu einem undurchschaubarem Elitenprojekt verkommen.

So gesehen ist es quasi eine logische Konsequenz, dass beim kommenden EU-Gipfel der Entwurf für einen Verfassungsvertrag ausgerechnet dort zusammengestrichen wird, wo es um die Einbindung der Bürger geht. Auch kleinmütigste Entscheidungen werden so auf einem „wichtigen Gipfel“ zu einer exklusiven Sache.

Bei Schwammerlzüchtern mag das noch gleichgültig sein. In der Demokratie aber wären weniger Gipfel vielleicht mehr. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe 20.6.2007)