Wien - Wiener Spezialisten von der Klinischen Abteilung für Rheumatologie an der Universitätsklinik/AKH bzw. dem Krankenhaus Hietzing sind europaweit unter den besten Forschern auf diesem Gebiet. Eine ihrer Arbeiten wurden beim Jahreskongress der europäischen Rheumaliga (EULAR) in Barcelona (13. bis 16. Juni) zur besten wissenschaftlichen Studie dieses Jahres gewählt. Insgesamt verbessern sich besonders die Behandlungsmöglichkeiten bei Gelenksrheuma (chronische Polyarthritis - cP, rheumatoide Arthritis - RA), hieß es am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien.

"Krankheiten aus dem rheumatischen Formenkreis sind hierzulande die häufigste Ursache für Krankenstände. Sie führen zu massiven Behinderungen und sind daher auch die häufigste Ursache für Frühinvalidität. (...) Vor allem gegen die Rheumatoide Arthritis gibt es für einige neue Substanzen die ersten positiven Phase-III-Studienergebnisse (Wirksamkeit, Anm.), so dass wir im nächsten Jahr mit der Zulassung einige neuer hochwirksamer Medikamente rechnen können", sagte Josef Smolen, Leiter der Klinischen Abteilung für Rheumatologie an der Wiener Universitätsklinik.

Verharmlosung

Trotz der Häufigkeit solcher Erkrankungen werden sie oft verharmlost. Winfried Graninger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie: "Rheuma wird in Österreich traditionell verharmlost. Jährlich sind 8,4 Millionen Krankenstandstage durch Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates bedingt, im Durchschnitt ist das ein Tag pro Person und Jahr. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Beispiel sind es fünf Stunden pro Jahr."

Antikörper

Mittelfristig vor einer möglichen Einführung stehen bei Gelenksrheuma nach den beim EULAR-Kongress präsentierten Daten drei monoklonale Antikörper: Certolizumab pegol ist ein Antikörper-Fragment, das den stärksten körpereigenen Entzündungsfaktor TNF-alpha binden soll. Tocilizumab hemmt hingegen das an den entzündlichen bzw. Gelenks-zerstörenden Prozessen ebenfalls beteiligte Interleukin-6. Die Phase-III-Studie stand unter Führung von Smolen. Schließlich wird auch ein Antikörper aus der Forschungsarbeit von Josef Penninger (Institut für Molekulare Biotechnologie/Wien) gegen den RANK-Liganden bei chronischer Polyarthritis mit gutem Erfolg getestet. Dies erfolgt auch für die Anwendung bei Osteoporose (Knochenschwund).

Bei der Grundlagenforschung schoss im Rahmen des EULAR-Kongresses Nikolaus Binder (Medizinische Universität Wien) den Vogel ab. Laut seiner Studie kontrolliert der Botenstoff-Rezeptor CCR2 die Entstehung von Knochenfress-Zellen (Osteoklasten), die sowohl bei Rheuma als auch bei Osteoporose die Oberhand über den Knochenaufbau gewinnen. Hemmt man CCR2, ist man dem Ursprung dieser Probleme viel näher als mit anderen Interventionen.

Aktivitätsskala

Praktisch zur Verlaufskontrolle der Rheumatoiden Arthritis hervorragend geeignet ist die in Wien am AKH unter den Spezialisten um Smolen entwickelte Aktivitätsskala für die chronische Polyarthritis (DIA). Daniel Aletaha: "Sie umfasst eine Wert zwischen Null und 76 und kommt ohne Laboruntersuchung aus. Damit lässt sich die Effektivität einer Behandlung sehr schnell und einfach messen." Zunächst wird gezählt, wie viele von 28 Gelenken schmerzhaft sind. Dann wird gezählt, wie viele dieser Gelenke geschwollen sind. Dann kommen noch zwei Skalenbewertung zwischen Null und zehn vom Patienten hinzu. Wenige als 2,8 Summenpunkte gelten als niedrige Krankheitsaktivität. Mehr als zehn sollten zu einem Wechsel in der Therapie führen. Der Experte: "Das kann direkt beim Arztbesuch bestimmt werden und sollte dann sofort zu den entsprechenden Konsequenzen führen." (APA)