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"Als Kind war es für mich normal, dass rundherum die Leute laufen und springen."

Foto: APA/ Techt
Wien - "Ich mache mir keine Sorgen. Es gibt genug Talente. Aber das Potenzial reicht noch lange nicht, um an die Spitze zu kommen. Das geht nur mit Durchhaltevermögen." Abgesehen davon ist ein schattiger Gastgarten ein guter Platz zum Geschichtenerzählen an diesen Tagen, also erzählt Karin Mayr-Krifka ihre Geschichte in einem schattigen Ottakringer Gastgarten. Sie ist 36 und schwanger im dritten Monat. Christiane, ihre dreizehn Monate alte Tochter, wird indessen daheim von Vater Gerfried unterhalten.

"Bei uns daheim in St. Valentin", erzählt die Niederösterreicherin, "war es ganz normal, dass man in den Turnverein geht." Beim Mutter-Kind-Turnen hatte sie weiland das Kind gemimt. Das Kind freilich wuchs schneller, als es dem Kind lieb war ("ich wollte immer klein und lieb sein"). Fürs Turnen war sie quasi zu groß geraten, also wechselte sie, die eine Höhe von 1,79 Meter erreichen sollte, zum ULC Linz, spielte einmal in der Woche Laufen und Springen. "Das hat Spaß gemacht, aber da steckte nie ein Plan dahinter. Und wenn ich jetzt von einem Skifahrer höre, dass er schon als Kind davon geträumt hat, Olympiasieger zu werden, wundert mich das."

Von einem Olympiasieg war Mayr-Krifka meilenweit entfernt, aber sie gewann 200-m-EM-Silber in Wien (2003), 200-m-WM-Bronze in Budapest (2004), 200-m-EM-Silber in Madrid (2005), alles passierte in Hallen. Zudem gehören ihr die österreichischen Hallen-Rekorde über 50 (6,27), 60 (7,15) und 200 m (22,70), sowie die Freiluft-Rekorde über 100 (11,15) und 200 m (22,70). "Ich freue mich, wenn sie gebrochen werden, dazu sind sie ja da."

Olympischer Urlaub

"Ich habe nie geglaubt, dass ich so weit komme. Der Sport war ein Hobby." Karin Mayr, die seit 2002, als sie ihren Lebensgefährten Gerfried Krifka ehelichte, auf den Namen Mayr-Krifka hört, absolvierte eine Friseurlehre, was insofern nahe lag, als die Oma ein Friseurgeschäft besaß. Weil aber Haare auch am Samstag geschnitten werden wollen, und Mayr am Samstag Wettkämpfe bestreiten wollte, passte das nicht zusammen. Sie lernte Kosmetikerin und bei einer Bank, arbeitete dann in Wien bei einer Gebäudeverwaltung. Erst mit 19 trainierte sie täglich. 2000 schaffte sie die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Sydney, was sie sehr überraschte. "Ich musste mir einen langen Urlaub nehmen."

Ab 2001 wurde der Sport dann zum Beruf: "Ich habe das nie wegen des Geldes gemacht. Ich wollte besser werden." Sie lebte von der Sporthilfe und Gerfried, der ihr zudem die Volksbank als Sponsor vermittelte. Materielle Bilanz der Karriere: "Jahrelang habe ich gar nichts verdient, dann war es ausgeglichen, am Ende ist sogar etwas übrig geblieben. Aber ich brauche nicht viel und bin sparsam." Emotioneller Höhepunkt: "Wenn ich das Video von der Wiener Hallen-EM sehe, bin ich gerührt."

Mayr-Krifka, die jahrelang für den SV Schwechat sportelte, arbeitet nun dort als Trainerin. Anlässlich eines Trainingslagers in Caorle tat ebendort Christiane ihre ersten Schritte. Auf der Tartanbahn. "Ein Startschuss kann sie nicht erschrecken. Und wenn sie auf der Tribüne sitzt, und es rennen die Leute vorbei, dann wirft sie das Flascherl weg und schaut zu." Für die Kinder der Tartanbahn ist es normal, wenn auch die Großen tun, wozu die Natur die Kleinen drängt. Laufen und Springen und Werfen. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 22. Juni 2007, Benno Zelsacher)