"Ich will keine Promi-Adabei-Politik."

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STANDARD: Warum sehen die Grünen manchmal so alt aus?

Chorherr: Wir liegen zwar mit unseren Schwerpunkten Bildung, Energiewende sowie einer rationalen Zuwanderungs- und Integrationspolitik goldrichtig. Was die Grünen aber wirklich brauchen, ist eine personelle Erneuerung auf zweiter und dritter Ebene. Sonst treten wir bei der nächsten Wahl zum dritten oder gar vierten Mal mit derselben Mannschaft an.

STANDARD: Sind Sie mit den jüngsten Rochaden unzufrieden? Wenn Terezija Stoisits vom Parlament in die Volksanwaltschaft wechselt, kommen wieder Langgediente zum Zug.

Chorherr: Das hat damit nichts zu tun. Worum es mir geht, ist, dass wir als Partei, in der einst das Rotationsprinzip herrschte, nun in ein anderes Extrem gekippt sind: Menschen, die nicht aus dem Parteimilieu stammen, bekommen kein Mandat. Auch die Ex-Quereinsteiger Alexander Van der Bellen und Eva Glawischnig wären heute chancenlos.

STANDARD: Sie sorgen sich also um die Van der Bellens und Glawischnigs von morgen?

Chorherr: Genau, die brauchen wir dringend. Ich erinnere daran, dass Ersterer als Professor von der Uni schon damals wegen unserer Statuten nur „arschknapp“ in den Nationalrat kam, und Zweitere als Global 2000-Aktivistin beim ersten Mal nicht gewählt wurde. Wir sind heute zwar gut aufgestellt, aber es herrscht eine personelle Ermüdung.

STANDARD: Wie soll das besser werden? Die Grünen sind berüchtigt dafür, dass es Neulinge schwer haben.

Chorherr: Ich will keine Promi-Adabei-Politik. Aber ich wünsche mir neue Personen, etwa junge Wirtschaftstreibende, die uns inhaltlich bereichern. Aufgrund der inneren Hydraulik der Macht haben wir eine Frauenquote eingeführt. Darum sind wir jetzt die einzige Partei, die eine Geschlechterparität hat. Warum nicht so etwas für Junge, damit sie gegenüber den alten Platzhirschen zum Zug kommen? Derzeit muss ein Erdbeben passieren, dass bei uns ein Mandatar ausscheidet.

STANDARD: Also eine Quote für Newcomer?

Chorherr: Nennen wir es Innovationsquote. Jedes dritte Mandat auf jeder Landesliste und jedes zweite Mandat auf der Bundesliste soll Personen vorbehalten sein, die weder Landtags- noch Nationalratsabgeordnete waren. Außerdem fesseln wir uns, weil ein Jahr vor jeder Wahl die Kandidatenlisten stehen. Deswegen sollte man dem Bundesvorstand die Möglichkeit geben, ein Mandat erst sechs bis acht Wochen vor dem Wahltag zu vergeben. Damit könnten wir auf die Dynamik der Wahlkämpfe eingehen. Den Antrag werde ich beim Bundeskongress im Herbst einbringen.

STANDARD: Sie sind ja auch schon ewig dabei. Sägen Sie da nicht an Ihrem eigenen Ast?

Chorherr: Natürlich. Auch ich mute mir damit mehr Konkurrenz zu.

STANDARD: EU-Abgeordneter Johannes Voggenhuber erinnern die Grünen bereits an eine „Kopie des SPÖ-Apparats“. Man würde per „SMS auf Linie samt Sprachregelung getrimmt“.

Chorherr: Voggenhuber hat seine Kritik sehr zugespitzt formuliert. Aber ich denke auch, dass wir mehr Offenheit und Kontroverse vertragen. Nicht nur die Alterprobten sind in Frage zu stellen, sondern auch das Milieu, das öffentliche Debatten nicht rasend schätzt. Wir sollten uns davor hüten, wie ein Computer das Parteiprogramm herunterspulen.

STANDARD: Was werden nun Ihre Parteifreunde zu all dem sagen?

Chorherr: Interviews wie diese erhöhen nicht gerade die Chance einer Wiederwahl. (Nina Weißensteiner/DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2007)