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Foto: APA/AP/Paul Sakuma
In New York kampieren schon die ersten Fans vor Apple s gläsernem Flagshipstore an der 5th Avenue: Ab Freitag 18 Uhr Ortszeit wird in den USA Apples iPhone verkauft, in Apple-Stores und AT&T-Shops, die sich für zwei Jahre in den USA den exklusiven Verkauf gesichert haben. Die erwarteten Millionen, die schon in den ersten Tagen und Wochen das iPhone kaufen werden, sind quasi Feldtester des Newcomers, den noch keiner ausprobieren konnte.

Österreich hat es besser

Österreicher haben es besser: Vor Herbst, eher Weihnachten (Apple macht keine offiziellen Angaben), wird iPhone ein Ami bleiben. Genug Zeit, um erstens besser Bescheid zu wissen, ob sich 500 oder 600 Euro (in den USA Dollar) und ein möglicher Betreiberwechsel lohnen, um das "revolutionäre" Handy zu erstehen. Und genug Zeit für Apple, die unvermeidlichen Schwächen der ersten Generation eines Produktes auszubügeln - insbesondere, um das iPhone auf den in Europa durchgängig verfügbaren schnellen Datenfunk (HSDPA) aufzurüsten.

Keine neuen Funktionen

Die ersten Tests, die gestern in einer handverlesenen Schar US-Medien von der New York Times bis zum Wall Street Journal erschienen, attestieren dem iPhone, das Meiste zu halten, was der halbjährige Hype versprach. Dabei sind die Funktionen von Apples Handy nicht neu und praktisch in jedem Smartphone integriert: Nebst Telefonie Adressen, Kalender, Musik, Mail, Websurfen, Kamera. Es fehlen sogar Funktionen, zum Beispiel kann iPhone keine Videoaufnahmen machen. Und es ist, mobilfunkmäßig, von gestern und verwendet eine veraltete und langsame Datentechnologie.

MArketingmaschine und Design

Warum dann die Aufregung? Die reflexartige Antwort wird sein, Apples Marketingmaschine und exzellentes Design. Mag sein, aber erstens hat Apple (das im Verhältnis weniger Geld für Werbung und Marketing ausgibt als andere Konzerne) seit der Präsentation durch Steve Jobs im Jänner geschwiegen. Das Ganze war ein Selbstläufer, erst seit ein paar Wochen gibt es wirkliche Details. Und Design trifft den Punkt nur, wenn man das Gesamtdesign, nicht nur die Oberfläche meint.

Fingersteuerung

Apple versucht eine neue Art zu etablieren, die komplexen Taschengeräte zu benutzen, indem es durch Fingerbewegungen gesteuert wird. Zum Beispiel beim Websurfen, auf praktisch jedem Handy eine Qual und nur für Notfälle brauchbar: Durch doppeltes Antippen werden Texte und Bilder gezoomt, durch ein Zusammendrücken der Finger auf dem Display wird die Seite verkleinert. Ähnlich auch die Steuerung von Musik und Musiklisten, die Suche nach Terminen und Nummern.

Multimediacomputer

Aus Handys sind, was Nokia immer stärker betont, Multimedia-Computer geworden, und dabei ist Apple ein Meister, während die Handyindustrie erst lernt. Das ist die Chance des Herstellers, der mit dem iPod die Musikindustrie umdreht. Seine Schwäche ist übrigens vorerst die Mobilfunktechnik - 3G (die dritte Generation der Datentechnik) zu beherrschen ist technisch nicht trivial, und möglicherweise ist das auch der Grund, warum die erste iPhone-Version mit dem alten Standard arbeitet.

So oder so legt das iPhone die Latte für alle höher und zeigt nebenbei auch der Industrie, dass man ohne Handysubventionen Erfolg haben kann. Für Europa kann sich Apple ruhig noch etwas Zeit lassen: Bis alles wirklich passt. Wir danken den Feldtestern, die derzeit vor den Geschäften kampieren.(Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe vom 28.6.2007)