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Ein Tiroler, der hinter den Oberflächen nach der Schwärze des Humors schürft: der Bilddichter Paul Flora.

Foto: APA / ALINA PARIGGER

Wien – Monsieur Corbeau ist ein seltsamer Geselle. Spindeldürr, aber wetterfest sitzt er lieber im Geäst als auf einer Parkbank. Schwarz ist seine Welt, nur eine rote Masche setzt einen Farbton. Wenn es irgendwo zu lustig und bunt wird, dann sieht Corbeau sich gezwungen einzuschreiten: Den Karneval vertreibt er, wo immer er auftaucht.

Dabei wäre es verfehlt, die rabenhafte Schwärze von Monsieur Corbeau direkt auf eine Schwärze des Humors seines Schöpfers, des Zeichners Paul Flora, hochzurechnen. Denn der Witz steckt in diesen künstlerischen Arbeiten tief drinnen, er verbirgt sich hinter den fahlen Zwischentönen, die entstehen, wenn ein Mann seine Arbeit weit gehend auf Striche und Schraffuren baut.

Paul Flora, der auch eine Karriere als politischer Karikaturist hatte, sieht nicht die Oberflächen, auf denen sich die Mächtigen so gern breit machen. Er sieht die filigranen Identitäten, in denen sich das wahre Gesicht zeigt; er sieht das nebelhafte Ungefähre, in das die Landschaften immer wieder zurückfallen, wenn man sie nicht einfach als Material für das Auge sieht, sondern als Szenarien des Geists, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern.

Ein Reiter in einer Landschaft erscheint bei ihm aus kaum mehr als ein paar feinen Linien, und die Landschaft besteht hauptsächlich aus einem Horizont, an dem sich eine verwackelte Stromleitung entlangzieht. Es können aber auch jederzeit Husaren daherreiten, und wenn plötzlich breitbeinige Ski-Pioniere über das Weiß herunterkommen, dann stellt es ihnen die Bretter vorn so spitz auf, dass sofort der Lochschi noch einmal erfunden werden müsste.

Paul Flora wurde 1922 in Südtirol geboren und lebt seit vielen Jahren in Innsbruck – ein "verwurzelter Tiroler" taucht auch in seinen Arbeiten auf. Das Alpine ist ihm vertraut, er weiß aber auch um das Meer dahinter, das sich vor allem in den Nebeln von Venedig und in der dazugehörigen Kultur zu erkennen gibt. Masken und Marionetten sind wichtige Bestandteile des Gegenkarnevals, den Flora ausrichtet. Von der Marionette zur Vogelscheuche, vom Raben zur Fledermaus, vom Großkopf zum Ballonschädel ist es nie weit, zwischen Vogel und Feder aber liegen die ganzen Welten der Imagination. Denn die Feder ist eben nicht nur das gerupfte Vogelkleid, die Feder ist der Schlüssel zur Welt, wie sie sich vor dem geistigen Auge öffnet.

Paul Flora hat vieles gesehen, von Kubin bis Feininger reichen die künstlerischen Einflüsse, aber von der Kunstgeschichte hat er sich nie ins Bockshorn jagen lassen. Im Diogenes Verlag erscheint dieser Tage ein Gesprächsband, in dem er anekdotenreich aus einem Leben erzählt, in dem er sich als Landesbeamter im Büro für Nichtzuständigkeiten um schlicht alles kümmern konnte, wenn er nur gerade wollte.

Das schönste Buch ist aber vielleicht das Florilegium, in dem Texte von Karl-Markus Gauß die Bilder ergänzen. Erich Kästner hat von Paul Flora ja als einem "Bildschriftsteller" gesprochen, einem Literaten in der "Muttersprache aller Völker". Dass Flora selbst immer wieder von Sprachwitz ausgeht, zeigt ein Bildtitel wie Wagner bei währendem Wolkenbruch. Zum 85. Geburtstag ist ihm ein lange währendes Alter und ein sich immer noch weiter verästelndes Alterswerk zu wünschen. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2007)