Große Fortschritte, etwa bei einer gemeinsamen Sicherheitspolitik, sind nicht zu erwarten - zu groß ist das wechselseitige Misstrauen.

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Wenn die Beziehungen in eine Schieflage geraten sind, wird die schwere Artillerie aufgefahren - ein persönlicher Dialog als Versuch, die negative Tendenz zu brechen. Es heißt, Präsident Bush habe irgendwie seinen Zugang zu schwierigen Gesprächspartnern formuliert: zuerst den Kontakt in Gang setzen, danach zur Sache übergehen. Sein berühmter "Blick in die Seele" Wladimir Putins in Laibach im Frühjahr 2001 gab den Anstoß zu einer schnellen Verbesserung der russisch-amerikanischen Atmosphäre. Jetzt freilich sind viele in den USA überzeugt, dass Bush die wahre Seele seines russischen Partners damals nicht erkannt hat.

Nichtsdestotrotz, die Durchführung wichtiger Treffen in einer häuslichen Atmosphäre ist übliche Praxis von US-Präsidenten. Lyndon Johnson empfing den deutschen Kanzler Ludwig Erhard auf seiner Ranch in Texas, Richard Nixon traf sich mit Leonid Breschnew auf dem kalifornischen Landgut. George Bush senior führte Gespräche mit seinen Gästen auf dem Landgut Kennebunkport, ebendort, wohin nun Bush junior Präsident Putin eingeladen hat. Zuvor war der russische Staatschef schon auf Bushs Privatranch in Texas.

Trotz viel versprechenden Anscheins braucht man vom jetzigen Treffen keinen Durchbruch zu erwarten - wiewohl es einige Voraussetzungen dafür gäbe: Die wichtigste von ihnen ist die von Putin auf dem G8-Gipfel vorgebrachte Idee, gemeinsam die Radarstation Gabala in Aserbaidschan zu nutzen. Schon jetzt ist klar, dass Aserbaidschan aus einer Reihe von Gründen (politische wie wirtschaftliche) Tschechien und Polen nicht ersetzen wird. Und wegen Washingtons Widerwillen, auf die Objekte des Raketenabwehrschildes in Zentraleuropa zu verzichten, kann Moskau propagandistische Punkte sammeln. Ungefähr so: Jetzt sehen wir ja, gegen wen das Ganze in Wirklichkeit gerichtet war.

Es wäre sinnvoll gewesen, nicht nach einem flüchtigen Gewinn zu streben, sondern diesen Haken zu nutzen, um doch einen ernsthaften strategischen Dialog mit den USA in Gang zu setzen.

Das Problem der Beziehungen liegt im Mangel an Vertrauen. In den Zeiten, als der Hausherr von Kennebunkport Vize- und danach Präsident der USA war, lautete die erste Frage, ob man den Ideen und Vorschlägen Michail Gorbatschows trauen könne. Im Übrigen wollte Bush senior selbst nicht allzu sehr auf die unerwartete sowjetische Friedensliebe bauen und nahm daher eine "realpolitischere" Position ein als sein Chef und Vorgänger Ronald Reagan. Letzterer war trotz seines Ultrakonservativismus nicht frei von Idealismus und spürte im seltsamen Generalsekretär die aufrichtige Absicht, die Welt zu verändern.

Jetzt stellt sich im Großen und Ganzen die gleiche Frage. Soll man Putins un- terschiedlich schroffe Eskapaden als taktische Züge werten, die auf eine Stärkung von Russlands Position im Zuge des geopolitischen Spiels abzielen, oder als ernsthafte Vorschläge, hinter denen wirklich der Wunsch steht, ein neues Modell der Weltordnung auszuarbeiten? Klar ist, dass der Wunsch, die Initiative an sich zu reißen, einer der Motive von Putins Vorschlag war.

Aber auch in diesem Fall enthält die Gabala-Idee konstruktives Potenzial: Moskau gab zum ersten Mal zu verstehen, dass der Iran eine Bedrohung darstellen kann. Bislang war Russland ja davon ausgegangen, dass sowohl das iranische als auch das nordkoreanische Atomprogramm keine Gefahr darstellen.

Ausgehend davon ist es noch immer schwierig, gemeinsame Systeme der globalen Sicherheit zu bauen, aber man kann versuchen, eine gemeinsame Sicht der Situation zu formulieren, was nicht schlecht ist. Denn ohne eine solche gemeinsame Sicht und ohne die Stärkung des Vertrauens ist es unmöglich, irgendeine Kooperation in einer solch heiklen Sphäre wie der strategischen Sicherheit zu schaffen.

Das erfordert jedoch mühsame Arbeit und einen durchdachten, langfristigen Zugang. Damit ist leider nicht zu rechnen. Schon allein deshalb, weil beide Präsidenten von Problemen anderer Art beunruhigt sind. Obwohl Putin wie auch Bush nach dem Ende ihrer zweiten Amtszeit sich auf den Abgang vorbereiten, ist ihr Wirken nicht von Überlegungen um ein historisches Vermächtnis diktiert.

Der US-Präsident ist mit Versuchen beschäftigt, ein völliges Fiasko seiner Außenpolitik abzuwenden. In diesem Zusammenhang ist auch die Einladung an Putin zu verstehen. Er will den Schein eines konstruktiven Dialoges mit seinem russischen Kollegen wahren, um kein Abgleiten der Beziehungen in ein totales Konfrontationsmodell zuzulassen und den gegnerischen Demokraten nicht noch einen mächtigen Trumpf für die Wahlen 2008 in die Hand zu geben.

Was Wladimir Putin betrifft, so ist die Frage nach seinem Vermächtnis ganz und gar seltsam: Der Präsident gibt nachdrücklich zu verstehen, dass sein Abgang als Staatschef in keiner Weise einen Abschied von der Politik bedeutet - will heißen, dass es früh ist, eine Bilanz zu ziehen.

Interessant ist, wie gegensätzlich die Positionen Russlands und Amerikas sind. Dort, wo Moskau Möglichkeiten für einen Handel und Kompromiss sieht (Raketenabwehr, KSE-Abrüstungskontrollvertrag, Nato-Erweiterung), ist Washington ganz und gar nicht gewillt, sich in eine Diskussion hineinziehen zu lassen. Dort aber, wo die USA ein zweitrangiges Problem sehen, über das man schnell handelseinig werden müsste (Unabhängigkeit des Kosovo), erblickt Russland ein Problem im breiten international-rechtlichen Kontext und versucht, die Folgen vorauszusehen.

Im Allgemeinen bleibt zu erwarten, dass die familiäre Atmosphäre des Sippenlandgutes und das beruhigende Rauschen der Wellen die Staatschefs zu einer friedliebenden Eintracht stimmen und diese sich zumindest erneut darauf einigen, "die Rhetorik zu entschärfen". Nach der letzten derartigen Vereinbarung (vor zwei Monaten) hat die Rhetorik freilich beinahe das Niveau des "Kalten Krieges" erreicht.

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Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur des in Russisch und Englisch erscheinenden politischen Magazins "Russland in der globalen Politik". Übersetzung: Eduard Steiner (DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2007)