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Nach dem Anschlag vom Samstag in Tuz Khurmatu.

Foto: REUTERS/Stringer
Grafik: DER STANDARD
Bagdad/Wien - Der Anschlag gegen schiitische Turkmenen in Amirli trifft ein Gebiet, das nicht nur von Terrorismus, sondern auch von einem territorialen Konflikt, entlang ethnischer Linien, bedroht ist. Wie so oft im Irak liegt der Verdacht nahe, dass durch das eine - den Terrorismus - das andere - der Bürgerkrieg - angeheizt werden soll. Man erinnere sich an einen Großanschlag gegen schiitische Turkmenen in Tal Afar im Jahr 2006, der mit Ausschreitungen gegen die örtlichen Sunniten und Anschuldigungen gegen die dort meist kurdischen Sicherheitskräfte, dass sie den Terror dulden würden, beantwortet wurde.

In der Gegend von Tuz Khurmatu, wo Amirli liegt, geht es nicht nur um das Zusammenleben verschiedener Gruppen, sondern um einen ausgewachsenen innerirakischen Territorialstreit. Tuz Khurmatu liegt an der Grenze der "umstrittenen Gebiete", über deren Zugehörigkeit zu einer kurdischen Region laut Verfassung von 2005 noch im Jahr 2007 per Referendum abgestimmt werden sollte. Die Kurden sind mit der "Grünen Linie", die die Grenze der kurdischen Gebiete von 1991 markierte, aus denen sich die irakische Verwaltung zurückzog, nicht zufrieden. Und es handelt sich auch tatsächlich nicht um irgendeine international anerkannte Grenzlinie. Diese muss erst gezogen werden. Die kurdischen Vorstellungen sind unterschiedlich, aber im Prinzip in der kurdischen Verfassung formuliert.

Gemischte Gegend

Tuz Khurmatu ist, wie die ganze Gegend, traditionell gemischt: kurdisch, turkmenisch, arabisch, plus alle Konfessionen. Die Kurden der Stadt, aber auch die schiitischen Turkmenen, waren während der Saddam-Ära einer grausamen Arabisierungspolitik unterworfen, die sich unter anderem in einer Gebietsneuordnung manifestierte: Tuz wurde der Verwaltung der laut Saddam ebenfalls zu arabisierenden Stadt Kirkuk zugeschlagen.

Die Rückgängigmachung dieser Politik (inklusive Rücksiedlungen von Arabern) als Voraussetzung für ein "gerechtes" Referendum ist konfliktträchtig und überaus emotionsgeladen. In Tuz Khurmatu etwa kam es gleich 2003 zu einem Sprachenstreit, als die Kurden versuchten, Kurdisch als einzige Unterrichtssprache einzuführen.

Antikurdische Allianz

Es wäre kompliziert genug, wenn sich bei diesem Konflikt nur kurdische und arabische Iraker - wobei sich da schnell eine sunnitisch-schiitisch-arabische Allianz gegen die Kurden ergibt - gegenüberstünden. Aber da ist noch die drittgrößte irakische Bevölkerungsgruppe, die Turkmenen, für die sich nationalistische Kräfte in der Türkei verantwortlich fühlen. Schiitische Turkmenen werden, obwohl traditionell eigentlich nicht nach Najaf ausgerichtet, zuletzt auch von schiitisch-arabischen Milizen umarmt.

Von den Turkmenen kommen Klagen über rücksichtslose Kurdisierungspolitik, aber noch schlimmer trifft es die Minderheiten in der Gegend, die keine Protektoren haben. Sie werden zwischen den Fronten zerdrückt. Es ist fraglich, ob es in einigen Jahren noch Christen, Assyrer, Sabäer, Yaziden und Shabak in den jetzt umstrittenen Gebieten geben wird.

Noch ist nicht klar, was aus den Referendumsplänen für 2007 wird, die auch die Zukunft des ölreichen Kirkuk entscheiden werden. Die internationale Gemeinschaft versucht die Kurden zu überzeugen, dass die Grenzziehung konsensuell erfolgen sollte und nicht durch ein "feindliches" Referendum, bei dem der Gewinner alles bekommt und der Verlierer alles verliert: Sonst könnten sich die Kurden einen Konflikt auf Generationen einhandeln, der wieder nur die eigene Entwicklung hindert. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2007)