Was hat es in der jahrelangen Diskussion um die Sanierung des jüdischen Friedhofes in Wien-Währing nicht schon alles geheißen: Die historische Begräbnisstätte habe "höchste Priorität", eine "Park-ähnliche Nutzung" solle ermöglicht werden, eine finanzielle Stiftungslösung wurde vorgeschlagen, der Gemeinderat forderte den Bund einstimmig zur Rettung des Areals auf. Fest steht, dass nach dem Washingtoner Abkommen die öffentliche Hand zuständig ist.

Doch der praktische Nutzen konnte bisher mit den großen Worten der Politik nicht mithalten. Der Friedhof mit seinen rund 7000 erhaltenen Gräbern dämmerte weiterhin seinem endgültigen Verfall entgegen. Schon lange vor den jüngsten Stürmen musste sogar der Zugang wegen Lebensgefahr gesperrt werden. Und eines ist klar: Je länger nichts passiert, umso teurer fallen diverse Sanierungskonzepte aus. Derzeit bewegen wir uns in der Größenordnung von rund 14 Millionen Euro. Ein Teil davon ist übrigens notwendig, um die Hinterlassenschaften von antisemitischen Schmierfinken zu entfernen.

Dass sich in den vergangenen Wochen das Stadtgartenamt darum bemühte, den Zugang zu entrümpeln, muss anerkennend erwähnt werden. Grund dafür war, dass im vergangenen März SPÖ und ÖVP einem Antrag der Grünen zugestimmt hatten, "die ärgsten Schäden und Gefahren" auf Kosten der Stadt beseitigen zu lassen. Doch auch bisher war nach ähnlichen kosmetischen Korrekturen immer Schluss.

Aus dem politischen Zaudern hat sich nun ein vorläufiger beschämender Höhepunkt ergeben: In Österreich aufhältige US Marines und amerikanische Diplomaten haben am Sonntag damit begonnen, den Dschungel, der mittlerweile den Friedhof überwuchert, zu roden. In ihrer Freizeit, ohne offiziellen Auftrag, ohne diplomatische Notwendigkeit. Einfach so.

Ein US-Botschaftsangehöriger war bei einer Führung für eine OECD-Abordnung dermaßen erstaunt und erschrocken über den Zustand des Friedhofes, dass er versprach, "the boys" zu schicken. Und tatsächlich, für die unbürokratische "Nachbarschaftshilfe" sind viele sogar mit selbst gekauften Motorsägen und anderem Werkzeug aufgetaucht.

So einfach geht das, wenn man will. Und so leicht fängt sich die Republik eine (gesellschafts-)politische Ohrfeige ein. Man darf gespannt darauf sein, ob es für die Amerikaner ein Dankeschön geben wird. (Michael Simoner/DER STANDARD-Printausgabe, 9.7.2007)