Am Ende der kilometerlangen, schmalen Landzunge eröffnet sich eine Szenerie von surrealer Sinnlichkeit und Schönheit. Das kobaltblaue Meer, der mit kraftvollem Sonnenlicht vollgesogene Dünensand, die von einer frischen Brise aufgewühlte Macchia, die zerklüfteten Felskonturen der anderen Inseln am Horizont, ein Albatros, der am Himmel seine weiten Kreise zieht. Der kleine Aufstieg über den erst sandigen und dann felsigen Pfad hinauf zum östlichsten Punkt der Schmetterlingsinsel Guadeloupe hat sich wahrlich gelohnt.

Gut, dass die örtlichen Tourismusbehörden an der Pointe des Colibris eine Tafel mit Versen von Saint-John Perse angebracht haben. Von der Szenerie überwältigt und wortlos gemacht, könnte der Reisende leicht auf entsetzlich banale Gedanken kommen ("Mein Gott, ist das schön hier!"). Da ist es denn hilfreich, wenn man den Dichter der Ozeane und der Inseleinsamkeiten (Nobelpreis für Literatur 1960) zur Seite hat, um das Meer in gewählteren Worten anzurufen und zu lobpreisen: "Sei mit uns in der Schwäche und in der Stärke und in der Seltsamkeit des Lebens, erhabener noch als die Freude".

DOM-TOM. Was wie die onomatopoetische Nachempfindung eines karibischen Trommelschlags klingt, ist in Wahrheit die abgekürzte amtliche Bezeichnung für die Départements und Territoires d'outre-mer, Frankreichs Überseegebiete, die ihm als Überbleibsel aus einer erdumspannenden kolonialen Vergangenheit geblieben sind. Martinique und Guadeloupe sind DOMs und den Departements in der Metropole, dem Mutterland, rechtlich gleichgestellt (die TOMs, großteils im Pazifik, hängen an einer loseren Verwaltungsleine): Zwei französische Juwelen in der Karibik, die sich nicht nur extraordinärer Naturschönheiten und einer konstanten Lufttemperatur zwischen 25 und 30 Grad Celsius erfreuen dürfen, sondern auch einer soliden europäischen Infrastruktur, von der die umliegende nichtfranzösische Inselwelt nur träumen kann. Zu verdanken haben sie das einem generösen Mutterland, das alljährlich hunderte Millionen Francs hierher pumpt.

So vermischen sich denn typisch karibische Versatzstücke wie Palmen, rote und gelbe Flammenbäume, Zuckerrohr- oder Bananenplantagen mit Carrefour-Supermärkten, französischen Verkehrszeichen und einem Verwaltungsapparat, der auf den erratischen Karrierewegen manches höheren französischen Beamten eine exotische Zwischenstation gewesen sein mag. Dem in Trinidad geborenen britisch-indischen Dichter VS Naipaul (Nobelpreis für Literatur 2001) war diese Mischung suspekt, aber das will angesichts Naipauls stetem Hang zur Übellaunigkeit wenig heißen.

Und wer den kollektiven Erscheinungsformen austro-germanischen Urlaubsvergnügens (Ballermann etc.) entgehen möchte, wird auf Martinique und Guadeloupe, wo die Touristen zu 90 Prozent Franzosen sind, allemal eine individuellere Atmosphäre finden als in der Dominikanischen Republik.

In der Bevölkerung hat die franko-karibische Mixtur, die durch Einwanderungswellen aus Indien oder dem Nahen Osten noch bunter geworden ist, geheimnisvolle und komplizierte Gesellschaften hervorgebracht, die noch an einigen Erbsünden aus den Zeiten der Sklaverei und des Kolonialismus kranken. Hunde mag sie nicht, erklärt die schwarze Bus-Chauffeurin bei einer spektakulären Überlandfahrt durch die Regenwaldzone im Norden Martiniques (weil früher damit entflohene Sklaven gejagt wurden). Und da und dort blitzt historischer Zorn auf die verschwindend kleine Minderheit der Békés (auch grands blancs) auf, die weißen Pflanzerfamilien, die - in Martinique mehr noch als in Guadeloupe - den Löwenanteil des Landes besitzen und sich vom farbigen Volk weit entfernt halten. Touristen mit guten Französischkenntnissen und einem Sinn für komplexe historische und soziologische Gemengelagen werden auf Guadeloupe und Martinique ein riesiges Beobachtungsreservoir finden.

Man kann es freilich ebenso gut auch touristisch leichter nehmen, schnorcheln, schwimmen oder die unerschöpflichen Naturschätze der Inseln erkunden: den Regenwald im Norden Martiniques oder in der Basse Terre von Guadeloupe, mit seiner Artenvielfalt ein veritables Paradies für Botaniker. Verwirrend ineinander verschlungene Gummi- und Mangrovenbäume, Bambussträucher, Wasserlianen und Philodendren. Die Mangrovensümpfe, die man auf Martinique mit dem Paddelboot befahren kann: Bizarre Landschaften aus Luftwurzeln, sumpfigem Wasser und Krabben, die beim Herannahen des Beobachters erschreckt den Rückwärtsgang einlegen. Oder den Vulkan La Soufrière (Guadeloupe): Zwischen Felsspalten, aus denen ein diabolischer Schwefelgestank aus dem Erdinnern dringt, fährt man auf verschlungenem Weg bis auf 1467 Meter Seehöhe. Eine dichte gelbliche Wolkenmasse verhüllt die Stirn des Berges fast das ganze Jahr hinweg, während sich unten über dem Meer ein strahlend blauer Himmel bis zum Horizont spannt. Die Welt wirkt hier wie auf den Kopf gestellt.

Der teuflische Odeur muss aus der Nase vertrieben werden. Ein Ti-Punch eignet sich hierfür trefflich, zumal er neben seinen geschmacklichen Qualitäten auch noch mit der stimmungsaufhellenden Kombination von hochprozentigem Alkohol und einem massiven Zuckerstoß aufwarten kann. Der (kreolisch) "kleine" Punsch ist in Wahrheit groß und stark, ein aus weißem Rum, Zuckerrohrsirup und Limettensaft verfertigtes Getränk, das vor allem zu den raffiniert gewürzten und frittierten Fischbällchen (Accras) oder den scharfen karibischen Blutwürsten (Boudins) passt. Die Museen, die dem Rum und der Banane - beides Hauptexportgüter der Inseln - gewidmet sind, sollte man nicht auslassen. Ebenso wenig wie eine andere Sehenswürdigkeit, die zwar makaber, aber von beeindruckender Eigentümlichkeit ist: Der Friedhof von Morne à l'Eau auf Guadeloupe, der mit seinen einheitlich schwarzweiß gekachelten Grabstätten wie ein riesiger Keramik-Supermarkt unter freiem Himmel wirkt. Mit seinen fantasievollen Totengaben zeugt er von einer mit allerlei Aberglauben durchsetzten Volksfrömmigkeit, die um die schattenhaften Seiten des Daseins wohl Bescheid weiß.

In der Karibik kann die Stimmung bekanntlich vom bacardihaft Beschwingten leicht ins Existenzielle umschlagen. Und darauf wollen wir noch einen allerletzten Ti-Punch nehmen: Eine abendliche Brise weht vom Meer herein, ein Liegestuhl, der Sonnenuntergang, ein Albatros, der am Himmel seine weiten Kreise zieht: Da spürt man dann den Vorschein einer Ewigkeit, wie sie Gott hoffentlich nicht nur den Bewohnern der französischen Antillen, sondern allen guten Menschen zugedacht hat. (Christoph Winder/Der Standard/Rondo/14/12/2001)