Die Wiener Stadträtin Katharina Cortolezis-Schlager hat klare Vorstellungen, wie "ihre" Traumschule aussehen soll. Damit sorgt sie auch innerhalb der Volkspartei für Diskussionen.

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Fünf Jahre Volksschule, individuelle Förderung, modulare Lehrerausbildung: Die Schlagworte zum bisherigen Entwurf der ÖVP-Perspektivengruppe Bildung stifteten Verwirrung - auch innerhalb der ÖVP. Die Wiener Stadträtin Katharina Cortolezis-Schlager fühlt sich mit ihren Vorschlägen von der gesamten Partei unterstützt. "Ich bin eigentlich sehr angetan, wie intensiv hier die Debatte zur Zeit geführt wird", so die Leiterin der Perspektivengruppe im Gespräch mit derStandard.at. Das Gespräch führte Thomas Schaffer.

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derStandard.at: Frau Cortolezis-Schlager, die ÖVP-Perspektivengruppe Bildung will ein fünftes Volksschuljahr, wie genau soll das aussehen?

Cortolezis-Schlager: Es geht um die Kinder, die zum Schulbeginn von der Sprache oder der motorischen Entwicklung noch nicht ausreichend in der Lage sind, dort eine eigene Volksschulklasse zu machen. Wir stellen fest, dass Kinder oft überfordert in der Klasse sitzen und die Sprache nicht können.

derStandard.at: Im fünften oder im ersten Schuljahr?

Cortolezis-Schlager: Sowohl als auch. Wir haben ja sehr viele Quereinsteiger. Nehmen wir doch dieses Dogma von den Kindern weg, dass es schlecht ist, fünf Jahre Volksschule zu haben. Wir wissen, dass das Lese-Screening und auch der PISA-Test Fähigkeiten und Fertigkeiten testen, die im Grunde genommen Volksschulstoff sind, und später nicht mehr in dem Ausmaß trainiert werden.

Wir wollten - mit Reformpädagogen gemeinsam - ein Konzept entwickeln, das eine vier- bis fünfjährige Volksschul-Phase vorsieht. Wenn sich herausstellen sollte, dass Kinder einfach noch mehr Zeit brauchen, soll man ihnen die mit Hilfe der Reformpädagogik auch so geben, dass sie wertvoll genutzt ist.

derStandard.at: Das heisst, wenn sich am Anfang der Schulzeit herausstellt, dass ein Kind noch nicht genug Deutsch kann, oder wenn es nach vier Jahren noch nicht Gymnasium- oder Hauptschul-reif ist, kommt es in diese schulstufenübergreifende Klasse?

Cortolezis-Schlager: Oder auch wenn es feinmotorisch noch nicht die Fähigkeiten und Fertigkeiten hat. Es würde dann immer das langsamste Kind sein, und hätte einen frustrierenden Start in die Schullaufbahn. Und diese Klasse wird wirklich so organisiert, dass es vom Kind als völlig selbstverständlich erlebt wird.

derStandard.at: Wie soll das räumlich gelöst werden? Wo werden diese Kinder unterrichtet?

Cortolezis-Schlager: In der Volksschule, aber mit einem eigenen Lehrplan, weil ja diese Kinder in verschiedenen Bereichen schon in die Tiefe gefördert werden können. Darum auch die Reformpädagogik, die in der Individualisierung des Lernens sehr gute Ansätze hat. Das Kind soll nicht einfach etwas machen, was es schon gelernt hat, sondern wirklich mit neuen, vertiefenden Aufgabenstellungen noch einmal sattelfest gemacht werden.

derStandard.at: Und wer unterrichtet diese Kinder?

Cortolezis-Schlager: Die Volksschullehrer gemeinsam mit Fachlehrern. Wir wollen in der Volksschule auf jeden Fall eine Hauptlehrerin - aber gerade dritte und vierte Klasse aufsteigend auch für Musik, Englisch, Sport und Bildnerische Erziehung Fachlehrer. Die könnten spezifische Aufgaben für die Kinder haben.

derStandard.at: Wie groß sollen diese Klassen dann sein?

Cortolezis-Schlager: Das sollen eher Kleingruppen sein, so dass das Kind wirklich im Mittelpunkt steht und eine solide Basisqualifikation kriegt, die dann auf die Hauptschule oder das Gymnasium vorbereitet.

derStandard.at: Werden diese Schüler dann eine um ein Jahr längere Schulpflicht haben?

Cortolezis-Schlager: Genau, das soll nicht auf die Schulpflicht angerechnet werden. Die Begabungsförderung steht noch nicht ausreichend in unserem Entwurf, die ist uns auch ein wichtiges Anliegen. Es könnte natürlich sein, dass diese Kinder dann später wieder eine Schulstufe überspringen, weil sie den Stoff wieder aufgeholt haben. Das heißt: Die Schule an das individuellen Entwicklungs- und Lerntempo der Kinder anpassen und nicht die Kinder an die Schule.

derStandard.at: Die Lehrerausbildung soll auch neu geregelt werden. Wo sollen denn die Lehrer ausgebildet werden? An Unis oder an Pädaks?

Cortolezis-Schlager: Das müssen zwei gleichwertige kooperierende Organisationen werden. Uns geht es nicht um ein Entweder-Oder. Es haben die pädagogischen Hochschulen und die Universitäten ihre Stärken. Es geht um ein durchlässiges Bildungssystem, wo die Universität die Arbeiten der pädagogischen Hochschulen anerkennt und umgekehrt. Beide sollen sich zusammensetzen und schauen: Wer kann was von uns am besten? Wer hat wo seinen Schwerpunkt? Zum Beispiel in der Grundschullehrer-Ausbildung ist sicher die pädagogische Hochschule auch künftig qualifizierter als eine Universität, die gar keine Tradition in dem Bereich hat.

derStandard.at: Sind das ihre Standpunkte als Stadträtin oder als Leiterin der Perspektivengruppe?

Cortolezis-Schlager: Das ist der Standpunkt der Perspektivengruppe, der jetzt innerparteilich diskutiert wird. Im Herbst nehme ich die neuen Vorschläge dann wieder mit in die Expertengruppe.

derStandard.at: Wie sieht das Feedback innerhalb der eigenen Partei auf das Modell aus?

Cortolezis-Schlager: Ich erlebe im Moment eine spannende Bildungsdebatte auf einem sehr hochwertigen, intensiven Niveau in der ÖVP. Vor allem wird umfassend diskutiert, dass es um lebensbegleitende Maßnahmen und nicht nur einzelne Bausteine geht. Ich bin eigentlich sehr angetan, wie intensiv die Debatte zur Zeit geführt wird.

Vize-Kanzler-Molterer hat uns mit dieser Perspektivengruppe ja beauftragt. Das ist einmalig in der Geschichte der ÖVP, dass man das Vertrauen einer Expertengruppe gibt, um wirklich über den Tellerand hinaus visionär nachzudenken, sich dann den Ergebnissen als Partei stellt und weiterdiskutiert. Es wird wirklich von der Spitze abwärts getragen. (tsc, 1.8.2007, derStandard.at)