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Samiel (Ignaz Kirchner) animiert Max (Peter Seiffert), nicht zimperlich zu sein.

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Die Wiener Philharmoniker unter Markus Stenz verweilten im soliden Klangbereich.
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Salzburg - Festspielzeit! Nach Definition der neuen Verantwortlichen ist das eine Phase der künstlerischen Ausnahmen, zudem eine Periode der gleichsam erhöhten Temperatur. Nun ja. Bisher war alles eher im wohlig wärmenden Opernbereich angesiedelt - vor allem bei Armida; ein bisschen darüber hinausgehend bei Eugen Onegin. Es musste wohl Der Freischütz kommen, um zumindest im wörtlichen Sinn die Temperatur um einiges zu erhöhen.

Da sind zunächst die Reaktion gemeint, die sich ablehnend ins Hitzige steigerten. Zum anderen muss man natürlich erwähnen, dass die Temperatur im Haus für Mozart für Momente schweißtreibende Höhen erreichte. Im Sinne des Effekts wurde da ein feuriger Moment inszeniert, der noch in der 14 Reihe reichlich erhitzte.

Etwas grell

Er hätte auch bei den Bregenzer Festspielen unter freiem Himmel Wirkung gezeigt. Und er wäre auch bei einem grimmigen Death-Metal-Konzert nicht wenig aufgefallen. Dem Freischütz bescherte er allerdings einfach einen weiteren etwas billig-grellen Augenblick, von denen es in der Version von Falk Richter einige gegeben hat.

Natürlich hat der Regisseur und Stückeschreiber hier vorgehabt, eine übergeordnete Idee als Mittel einzusetzen, um die Geschichte vom Versagen und dem Ausliefern an dunkle Mächte in die Gegenwart zu ziehen. Warum nicht. Da blickt man also in eine Art Betonbunker, eine düstere kalte Räumlichkeit, in der das Militär das Sagen hat, gleichsam auf "Talentsuche" ist. Beim Schützenfest ist ja womöglich jemand zu rekrutieren.

Viele Worte

Die dunklen Mächte, die hier walten, sie haben zudem bei Richter eine deutliche Überbetonung erfahren. Da ist Samiel nicht nur überraschend viel auf der Bühne - zunächst als eine Art neoliberaler Seelenkäufer in distinguiertem Weiß. Richter hat auch eine neue Dialogfassung erstellt, die Samiel reichlich viel Worte in den Mund legt und ihm auch zwei Gehilfen zur Seite stellt, die alle Figuren umgarnen, bedrängen und beschwatzen, damit diese im Sinne des Meisters schwach werden. Zudem spricht Samiel nicht nur viel von Geld, Macht und Sex; er schlüpft auch in Charaktere, wenn diese ihrer dunklen Seiten freien Lauf lassen.

Was theoretisch ganz gut wirkt, finden allerdings eine ziemlich platte Umsetzung. Da spricht aus Samiel und seinen Gehilfen die Weisheit eines welterklärenden Maturanten - und der Kontrast zwischen großer Geste (Ignaz Kirchner gibt sich große Mühe, Samiel Substanz und Charme zu verleihen) und plattem Wort macht die Oberflächlichkeit des Textes nur noch deutlicher.

Mitunter stehen die szenischen Ideen dem Text um nichts nach: Da werden Chöre zu mampfenden Touristen, die, aufgesetzt tanzend, Max verhöhnen. Und wenn es am düsteren Ort ums Kugelgießen geht, findet man sich plötzlich in einer Filmszene aus Stanley Kubricks Schnitzler-Verfilmung Eyes Wide Shut, also inmitten einer schwarzen Messe. Überhaupt das Filmische.

Es ist hier eine atmosphärische Ergänzung, die nur einmal, wenn Max (Peter Seiffert kann seine lyrischen Qualitäten ausspielen) zum Freikugel-Junkie mutiert, etwas zur psychologischen Verdichtung beiträgt. Ansonsten ist es einfach da oder Gag (Bilder von Paul Newman bis Klaus Kinski erfreuen Ännchen und Agathe) und verschmilzt nicht mit der Handlung, die leider mit konventioneller Personenführung beschwert wird.

Blass bleibt denn auch die angstgebeutelte Figur der Agathe (Petra Maria Schnitzer schafft es nicht, das Ariose ihrer Partie mit intonatorischer Konstanz zu versehen); immerhin munter und stimmlich delikat legt Aleksandra Kurzak Ännchen als quirliges Fräulein an. Und: Glaubhaft in düstere Regionen taucht der robust klingende John Relyea (als Kaspar) ab. Passabel: Günther Groissböck (als blonder Eremit) und Markus Butter als opportunistischer Firmenchef (Fürst Ottokar) - wie auch Roland Bracht (als Kuno).

Satans Sohn

Am Ende stehen sie dann alle da, und kein Happyend ist in Sicht. Samiel ist freudig-gelassen, er hat wohl eine weitere Seele erstanden. Auch der Eremit - er sieht aus wie die Figur aus dem Film Warlock - Satans Sohn - ist da wohl ein kleiner Hinweis. Eine Hommage an düstere Horrorfilme, das wäre immerhin konsequent gewesen. Es sollte nicht einmal das sein.

Die Wiener Philharmoniker unter Markus Stenz machen solide Klangmiene zu dem etwas plakativen Spiel. Manch schöner Augenblick wurde hörbar. Aber die ganze Pracht und Vielfalt der Partitur hat man nicht zu erwecken vermocht. (Ljubisa Tosiæ, DER STANDARD/Printausgabe, 06.08.2007)