Hygieneartikel Menstruation
Für Slips, Menstruationstassen, Tampons und Binden gibt es keine verbindliche Sicherheitsnorm
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Der Markt für Menstruationsprodukte ist so vielfältig wie riesig. Einlagen, Tampons, Menstruationstassen, aber auch einführbare Schwämme bescheren Herstellern solcher Hygiene­artikel einen weltweiten Umsatz von etwa 33 Milliarden Euro im Jahr – Tendenz stark steigend.

Wichtigstes Verkaufsargument ist neben dem versprochenen Tragekomfort stets die Sicherheit. Doch die bezieht sich in erster Linie auf den Auslaufschutz und nicht auf die gesundheitliche Verträglichkeit oder mögliche materialbedingte Gesundheitsrisiken. Denn obwohl die Produkte über längere Zeit im Intimbereich und teils im Körper getragen werden, existiert verblüffenderweise keine europäische oder internationale Norm, die Sicherheitsstandards in puncto Material oder auch Langzeitnutzung gewährleistet.

"Anders als Kondome oder aber auch Desinfektionsmittel sind Menstruationsartikel keine Medizinprodukte und unterliegen daher auch nicht den dafür vorgesehenen strengeren Sicherheitsstandards", erklärt die Biotechnologin Elisabeth Mertl. "Dass es für Menstruationsprodukte aber überhaupt keine Norm und keine internationalen Standards gibt, war mir lange Zeit nicht bewusst und hat mich doch einigermaßen schockiert."

Testverfahren für sichere Produkte

Am Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFI) ist Mertl mit Testverfahren und der Einhaltung von Sicherheitsstandards im Bereich medizinischer Produkte bestens vertraut. Im Rahmen des von ihr geleiteten Forschungsprojekts namens "Leifs", an dem auch die Lebensmittelversuchsanstalt (LVA) und das Industriewissenschaftliche Institut (IWI) des Forschungsnetzwerks ACR beteiligt sind, will sie die Expertise aus dem Bereich Medizinprodukte auf das Feld der Menstruationsprodukte übertragen.

Elisabeth Mertl, OFI
Biotechnologin Elisabeth Mertl tüftelt am Forschungsinstitut für Chemie und Technik OFIan sicheren Testverfahren.

Ziel ist es, Analyse- und Testverfahren zu entwickeln, die eine systematische Sicherheitsbewertung von Hygieneartikeln ermöglichen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich in eine internationale ISO-Norm einfließen, an der bereits in einer Arbeitsgruppe gearbeitet wird. Auch Mertl ist als Vertreterin Österreichs Teil dieses Teams.

Die Liste möglicher Gesundheitsrisiken ist lang. Einwegprodukte wie Tampons können Rückstände von Pestiziden enthalten, aber auch Schwermetalle und Dioxine aus der Zellstoffbleiche. Wie Abbaustoffe von Menstruationstassen aus Silikon oder thermoplastischen Elastomeren beim Kontakt mit den eigenen Schleimhäuten reagieren, ist ebenso wenig erforscht wie die Haltbarkeit von wiederverwendbaren Produkten.

Als Zeitrahmen, in dem die auswaschbaren Tassen sicher verwendet werden können, haben sich bei Herstellern zehn Jahre etabliert. Wissenschaftlich belastbare Studien, dass die verwendeten Materialien trotz wiederholten Kontakts mit Blut, anderen Körperflüssigkeiten, aber auch Reinigungsmitteln und mechanischen Einwirkungen so lange sicher zu verwenden sind, hat Mertl aber trotz ausführlicher Recherche bisher keine gefunden. Nicht zuletzt deshalb will die Forscherin für fundierte Testverfahren sorgen.

Toxisches Schocksyndrom durch Keime

Ein weiteres Problem ist die potenzielle Keimbelastung. Abgesehen von produktionstechnischen Verunreinigungen spielt das vor allem bei wiederverwertbaren Produkten wie Menstruationstassen, aber auch Natur­produkten wie Schwämmen, die ebenfalls in den Körper eingeführt werden, eine Rolle.

Aber auch bei Einwegprodukten wie Tampons konnte schon bisher ein Zusammenhang mit gefährlichen Krankheiten wie dem toxischen Schocksyndrom nachgewiesen werden. Dabei können die von Bakterien erzeugten Giftstoffe zu schweren Symptomen wie Fieber, Muskelschmerzen, Hautausschlag und im schlimmsten Fall zu Organschädigungen bis Multiorganversagen führen.

Tampon
In seltenen Fällen stehen Hygieneartikel mit dem toxischen Schocksyndrom in Zusammenhang.
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Das toxische Schocksyndrom, das im Gegensatz zu anderen Gesundheitsrisiken gut erforscht ist, tritt zwar äußerst selten auf. Für die Biotechnologin Mertl ist es aber ein Grund mehr, das Thema Sicherheit bei Menstruationsprodukten besonders ernst zu nehmen und verbindliche Standards einzufordern.

Auf nationaler Ebene sind zwar gewisse mikrobiologische und chemische Grenzwerte für bestimmte Keime definiert, gesetzlich bindend sind diese jedoch nicht. Mangels existierender Norm sind Hygieneprodukte im Österreichischen Lebensmittelbuch in der Kategorie Gebrauchsgegenstände aufgelistet, zusammen mit Wattestäbchen und Taschentüchern.

"Das halte ich insofern für absurd, da ein Taschentuch wenige Sekunden verwendet wird, während Menstruationsprodukte tagelang mit vaginalen Schleimhäuten in Kontakt sind, über die der Körper nachweislich viel leichter Fremdstoffe aufnehmen kann als etwa über intakte Haut", erklärt Mertl. Zwischen den strengen Vorschriften bei Medizinprodukten, die lange im Körper bleiben, wie etwa einer Spirale, und einem flüchtigen Gebrauchsgegenstand, wie einem Taschentuch, müsse es folglich gewisse Mindestanforderungen dazwischen geben, ist die Forscherin überzeugt.

Enttabuisierte Forschung notwendig

Im Labor wird nun mittels chemischer und biologischer Methoden simuliert, wie die bei Menstruationsprodukten verwendeten Materialien auf Blut und Menstruationsflüssigkeit reagieren. Um zu verlässlichen Testverfahren zu gelangen, wird mit diversen Blutalternativen und menschlichen Zellen, die im Labor gezüchtet werden, experimentiert.

Dass das Thema bisher so sträflich vernachlässigt wurde, führt Mertl teilweise auf die bisherige Tabuisierung der Periode zurück. Das mache sich auch heute noch bei älteren Forscherkollegen bemerkbar, die im fachlichen Austausch bei solchen Projekten deutlich zurückhaltender seien.

In ihrem jungen Forschungsteam sei der gegenteilige Effekt spürbar: "Zwischen Kolleginnen wird nun umso offener über die Periode gesprochen, und auch männliche Kollegen nutzen die Gelegenheit, um vieles rund um das Thema zu erfragen, von dem sie bisher einfach keine Ahnung hatten – aber woher denn auch?" (Martin Stepanek, 18.6.2023)