In seinem Gastkommentar schreibt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz über die verheerenden – auch finanziellen – Folgen des Klimawandels.

Konservative machen oft ein großes Tamtam um die Schuldenlast, die wir unseren Kindern hinterlassen. Groß präsentiert wurde dieses moralische Argument bei der Weigerung der Republikaner im US-Kongress, einer routinemäßigen Anhebung der US-Schuldengrenze zuzustimmen. Die Partei fühlt sich angeblich einer Ausgabensenkung derart verpflichtet, dass sie bereit ist, die Weltwirtschaft in Geiselhaft zu nehmen und den Ruf der USA dauerhaft zu beschädigen.

Niemand argumentiert, dass wir nicht an kommende Generationen denken sollten. Die wahre Frage ist, welche derzeitigen politischen Strategien und finanzpolitischen Verpflichtungen den Interessen unserer Kinder und Enkel besser dienen werden. Von diesem Blickwinkel aus ist klar, dass es die Republikaner sind, die eine unverantwortliche Missachtung der Folgen ihres Tuns an den Tag legen.

Ein Zeichen des Klimawandels: Waldbrände aufgrund anhaltender Trockenheit.
Foto: APA / AFP / Philippe Lopez

"Wohlstand" bleibt unverändert

Jeder mit etwas wirtschaftlichem Sachverstand weiß, dass man immer beide Seiten der Bilanz berücksichtigen muss. Was wirklich zählt, ist die Differenz zwischen Vermögen und Schulden. Wenn die Schulden wachsen, aber das Vermögen noch stärker zunimmt, geht es dem Land besser – und auch den kommenden Generationen. Dies gilt unabhängig davon, ob man in Infrastruktur, Bildung, Forschung oder Technologie investiert. Doch noch wichtiger ist das natürliche Kapital: der Wert unserer Umwelt, unseres Wassers, unserer Luft und des Erdreichs. Wenn Luft und Wasser verunreinigt sind und unser Erdreich vergiftet ist, hinterlassen wir unseren Kindern eine größere Last.

Finanzschulden sind lediglich etwas, das wir einander schulden. Es geht dabei um Papier, das man hin- und herverschieben kann, um Ansprüche auf Waren und Dienstleistungen anzupassen. Wenn wir unsere Schulden nicht bezahlen, leidet unser Ruf, aber physisches, Human- und Naturkapital bleiben gleich. Die Anleihegläubiger werden feststellen, dass sie ärmer sind als gedacht, und einige Steuerzahlerinnen werden letztlich womöglich reicher sein, als sie es wären, wenn die Schuld zurückgezahlt würde. Doch unser "Wohlstand" insgesamt bleibt unverändert.

"Die Behebung heute angerichteter Schäden kann Jahrzehnte dauern und Ausgaben erfordern, die, hätte man das Geld anders ausgegeben, das Land reicher hätten machen können."

"Umweltschulden" sind etwas anderes. Sie stellen eine Belastung dar, derer man sich nicht mit dem Federstrich eines Konkursrichters entledigen kann. Die Behebung heute angerichteter Schäden kann Jahrzehnte dauern und Ausgaben erfordern, die, hätte man das Geld anders ausgegeben, das Land reicher hätten machen können. Entsprechend sorgen kluge Ausgaben zum Schutz der Umwelt und zur Behebung von Umweltschäden – wie Investitionen zur Verringerung der Treibhausgas-Emissionen – dafür, dass es künftigen Generationen besser geht, selbst wenn sie über Schulden finanziert werden.

Angenommen, wir könnten den unmittelbaren Nutzen derartiger Investitionen – etwa die Steigerung der Wirtschaftsleistung (oder die Verringerung der Kosten für die Behebung durch Feuersbrünste, Orkane und andere Extremwetterereignisse verursachter Schäden) und den Wert einer verbesserten Gesundheit und Langlebigkeit durch Senkung der Luftverschmutzung – in Geld beziffern. Was für eine Rendite sollten wir verlangen? Die US-Regierung versucht derzeit, diese Frage zu beantworten, und egal, zu welchem Ergebnis sie dabei kommt: Es wird weitreichende Konsequenzen haben. Wenn wir eine hohe Rendite verlangen (wie das die Trump-Regierung tat, als sie die Messlatte bei sieben Prozent jährlich anlegte), wird es kaum Investitionen in den Klimaschutz geben, und künftige Generationen werden in einer Welt schwitzen, in der die Temperaturen um drei Grad Celsius oder mehr gestiegen sind.

Eine Art Versicherung

Angesichts der unvermeidlichen Folgen der Untätigkeit sollten wir Investitionen in den Klimaschutz als eine Art Versicherung betrachten. Deren Nutzen ist am höchsten, wenn die Auswirkungen des Klimawandels besonders schlimm sind und der Zinseffekt besonders hoch ist. Die verlangte Rendite auf "Versicherungsinvestitionen" sollte niedriger sein als der sichere reale (inflationsbereinigte) Zinssatz. Dieser Zinssatz war in den letzten Jahren negativ, doch selbst aus einer viel langfristigeren Perspektive lag er bei etwa einem Prozent, plus/minus 0,5 Prozent. Der angemessene "Abzinsungssatz" sollte daher klar unter sieben Prozent und selbst unter dem von der Obama-Regierung verwendeten Zinssatz von 2,5 bis fünf Prozent liegen – und womöglich sogar negativ sein.

Von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet können wir fragen, was für ein Abzinsungssatz erforderlich ist, um das international vereinbarte Ziel zu erreichen, die globale Erwärmung auf 1,5 bis zwei Grad Celsius zu begrenzen. Einen Temperaturanstieg über diese Schwelle zuzulassen ist mit nicht hinnehmbaren Risiken verbunden. Die Brände, Orkane, Überflutungen, Dürren, Fröste und sonstigen Katastrophen, die wir bisher erlitten haben, sind lediglich ein Vorspiel auf das, was kommen würde. Berechnungen mittels hoher Abzinsungssätze – selbst jenen, die die Obama-Regierung verwendet hat –, werden uns nicht in die Lage versetzen, das Ziel von 1,5 Grad Celsius zu erreichen.

"Was für einen Wert weisen wir unseren Kindern zu? Was sind deren Rechte?"

Wir sollten die Sache daher aus der Sicht "künftiger Generationen" betrachten. Was für einen Wert weisen wir unseren Kindern zu? Was sind deren Rechte? Wenn wir sie so hoch wertschätzen wie uns selbst – und es gibt keinen ethischen Grund, der dagegen spricht –, müssen wir berücksichtigen, wie stark die heute angerichteten Umweltschäden ihr Wohlbefinden beeinträchtigen werden. Da wir derzeit offensichtlich die Grenzen dessen überschreiten, was der Planet verkraften kann, tragen wir eine dringende moralische Verpflichtung, alle Formen der Umweltverschmutzung zu reduzieren.

Kinder und junge Erwachsene weltweit verlangen heute von den Regierungen, die zum Schutz ihrer Zukunft erforderlichen Maßnahmen umzusetzen. Sie fordern dies als Grundrecht ein, und in einigen Ländern – darunter den USA, wo eine Bundesrichterin in Oregon kürzlich eine von 21 jungen US-Amerikanerinnen und US-Amerikanern eingeleitete Klage zur Überprüfung der Verfassungskonformität des US-Energiesystems für zulässig erklärte und wo bereits eine ähnliche Klage gegen den Staat Montana läuft – ziehen Kinder vor die Gerichte, um für ihre Interessen zu kämpfen. Sollte die ältere Generation nicht dasselbe tun? (Joseph E. Stiglitz, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 20.6.2023)