Und ewig grüßt der Lueger? "Wir müssen uns der Logik eines eitlen Mannes, der es geschickt verstand, sich in die Stadt einzuschreiben, nicht auf alle Zeit verschreiben", findet Kunstwissenschafterin Tanja Schult in ihrem Gastkommentar.

Lueger-Denkmal Stubentor Wien
Angeschüttet, besprayt, mit einer Holzkonstruktion temporär kontextualisiert: das Lueger-Denkmal am Stubentor.
Foto: APA / Eva Manhart

In Stockholm lacht die Sonne, aber da ist er wieder, dieser Lueger. Von Tel Aviv bis New York wundert sich die Welt über Wien. Aus schwedischer Sicht war es unverständlich, dass bei Bekanntgabe des Wettbewerbsergebnisses zur Kontextualisierung des umstrittenen Lueger-Denkmals nicht gleich alle eingereichten Entwürfe veröffentlicht wurden. Erst diese Tage werden sämtliche Vorschläge ausgestellt. Erst jetzt ist ein qualifiziertes Urteil darüber, ob der Siegerentwurf von Klemens Wihlidal, die 3,5-Grad-Neigung, wirklich der Beste ist, möglich. Sicher ist: Wihlidals Entwurf hatte einen klaren Wettbewerbsvorteil, denn seit er vor dreizehn Jahren die Ausschreibung an der Angewandten gewann, blieb er aufgrund des Nicht-Agierens der Stadt im Gespräch und fand viele Fürsprecher.

Was weiter fehlt

Der nun erneut gekürte Entwurf war damals durchaus originell und wäre seinerzeit eine politisch mutige Entscheidung gewesen, die zur öffentlichen Meinungsbildung hätte beitragen können. Die Schiefstellung suggeriert: Hier stimmt etwas nicht. Mittlerweile übernahm allerdings das "Schande"-Graffiti (wie auch alle anderen Interventionen) diese Funktion. Mehr als ein Infragestellen hat aber die Schrägstellung nicht zu bieten.

Wer genau hinsieht, braucht weder Graffiti noch Schiefstellung. Die im Denkmal propagierte hierarchische Gesellschaftsordnung und der selbstverliebte Personenkult in völkischer Umrahmung lässt einen eh sauer aufstoßen. Doch das, was uns an Karl Lueger stört – sein Antisemitismus –, zeigt das Denkmal nicht. Und genauso wenig thematisiert das die geplante Kontextualisierung, die ja aber gerade ein "klares sichtbares Zeichen gegen Antisemitismus" setzen sollte.

"Auf Biegen und Brechen soll die Infragestellung Luegers dauerhaft werden."

Die nun anstehende Umgestaltung ist daher ein Hohn gegenüber denen, die sich seit Jahrzehnten für eine Umbenennung des Platzes und die Entfernung des Denkmals einsetzen. Aber auch gegenüber allen, die sich kopfschüttelnd fragen, wann die Politik gedenkt, dieses Problem zu lösen.

Auf Biegen und Brechen soll die Infragestellung Luegers dauerhaft werden. Das widerspricht allen demokratischen Prinzipien. Demokratie ist Entwicklung. Sie funktioniert nur, wenn sich die Gesellschaft einbringt. Ihr Engagement muss aber auch Einfluss nehmen können. Hier aber wird der Zustand des Hinterfragens konserviert. Wien bleibt Wien?

"Es ist politisch unverantwortlich, solch einen brodelnden Konfliktort künstlich zu erhalten."

Die Stadt insistiert: Die Wiener sollen hier über ihre unschöne Geschichte nachdenken. Als hätten sie das bisher noch nicht getan – gerade an diesem Ort, und deutlich gemacht, was sie (nicht) wollen. Mit viel Geld wird ein konfliktreicher Konfrontationsraum erhalten, der – wie Six’ und Petritschs temporäre Holzkonstruktion – scheitern muss. Denn hier wird kein Verhandlungsraum eröffnet, der zum nuancierten Verstehen einlädt oder etwas klärt, was noch nicht ausreichend durchdacht wurde.

Es ist politisch unverantwortlich, solch einen brodelnden Konfliktort künstlich zu erhalten. Einkalkuliert wird: Identitäre marschieren weiter auf; Menschen, die keine Ehrung eines Antisemiten im Herzen ihrer Stadt wollen, fordern erneut seine Entfernung und müssen sich dafür weiterhin in die Illegalität begeben. Ewig grüßt das Murmeltier. Wären doch diese Zeilen um 3,5 Grad geneigt, damit der Stadt die Schieflage ihrer Argumentation ins Auge springt.

Morbides Spektakel

Aber ich vergaß, dann ist ja alles anders: Der fesche Kerl, weiter gerührt durch die ihm zukommende Aufmerksamkeit, bringt die Schieflage doch ins Wanken: Selbst ihm schwant nun sein unaufhaltsamer Untergang. Ist die perfide Lust am morbiden Spektakel nicht ein zu ausgereiztes Wiener Klischee? Wie lange sollen wir uns diese Farce noch antun?

Vertrauen in demokratische Findungsprozesse wird so nicht geschaffen. Die Engagierten fühlen sich zu Recht überfahren; die Nicht-Interessierten können angesichts der verpulverten Steuergelder weiter ihrer Demokratieverdrossenheit frönen. Aber die Kulturpolitik lobt sich selbst für ihr demokratisches Agieren. Zuckerbrot: 3,5 Grad. Weggestalten? Nada. Vandalisieren? Macht doch, Kinder! Rom war eine Republik, keine Demokratie.

"Die Stadt ist bis zum Erbrechen voll von Lueger."

Wien braucht dieses Lueger-Denkmal nicht. Die Stadt ist bis zum Erbrechen voll von Lueger. Wer nicht ohne ihn kann, bewundere ihn am Cobenzl oder gedenke "seiner" Errungenschaften am Karl-Borromäus-Brunnen.

Die überdimensionierte Torte am Stubentor abzuräumen hat nichts mit fehlendem Geschichtsbewusstsein zu tun. Wir müssen uns der Logik eines eitlen Mannes, der es geschickt verstand, sich in die Stadt einzuschreiben, nicht auf alle Zeit verschreiben. Vor allem nicht, wenn sein Antisemitismus ihn für alle Zeit diskreditiert hat. In einer Demokratie haben wir das Recht, sogar die Pflicht, uns von überholten etablierten Macht- und Denkkonventionen zu befreien.

Wirklich anders

Was Wien braucht, sind Orte, wo es wirklich anders sein darf. Mich zieht es hinaus in die Sonne. Ich stelle mir vor, wie ich im Wasserbecken am nun nach Bertha von Suttner benannten Platz im Schatten der Platane plansche und mich daran erinnere, dass es auch zu Luegers Lebzeiten Menschen gab, die Antisemitismus als Gefahr erkannten. (Tanja Schult, 20.6.2023)