Ein Soldat trägt ein Bild des verstorbenen italienischen Ex-Premier Silvio Berlusconi.
Der verstorbene Ex-Premier Silvio Berlusconi sorgt für reichlich Fantasien.
REUTERS/Yara Nardi

Paris hat seinen Charles-de-Gaulle-Flughafen, New York den John-F.-Kennedy-Airport. Was läge also näher, als auch einen Flughafen in Italien nach einem bedeutenden Staatsmann der jüngeren Geschichte zu benennen, zum Beispiel nach Silvio Berlusconi, in seiner Heimatstadt Mailand? Das jedenfalls ist die Idee des früheren Mailänder Bürgermeisters Gabriele Albertini, die von dutzenden Rechtspolitikern von Giorgia Melonis Regierungskoalition sofort freudig aufgenommen wurde. Auch von Lega-Chef Matteo Salvini, ebenfalls ein Mailänder, der als Infrastrukturminister in dieser Sache ein gewichtiges Wort mitreden kann. Albertini schlägt für die Umbenennung den Flughafen Linate vor; infrage käme aber auch Malpensa.

Seit Berlusconis Tod am Montag letzter Woche erwecken die Italienerinnen und Italiener den Eindruck, als wären sie von einem kollektiven Gedächtnisverlust betroffen. Zumindest diejenigen unter ihnen, die dem "Cavaliere" einst ihre Stimme gegeben hatten, und das waren in den besten Zeiten immerhin elf Millionen Wähler. Vergessen sind Berlusconis Vorstrafe wegen Steuerbetrugs, die Bunga-Bunga-Partys mit minderjährigen Prostituierten, die Gesetze in eigener Sache, die Kontakte zu Mafiosi und die Männerfreundschaft mit Wladimir Putin. Regierungschefin Giorgia Meloni hat Berlusconi als "Padre nobile" des italienischen Mitte-rechts-Lagers bezeichnet; die Loblieder auf den vierfachen Ex-Premier tragen die Züge einer Heiligsprechung.

Wenige kritische Stimmen

Der posthumen Berlusconi-Verklärung können sich auch viele Oppositionspolitiker nicht entziehen – der ehemalige sozialdemokratische Regierungschef Matteo Renzi würdigte den Ex-Premier als "Ausnahmekönner" –, aber einige kritische Stimmen sind dennoch zu vernehmen, gerade auch in der Frage der Benennung eines Flughafens nach Berlusconi. Man möge doch, mahnte zum Beispiel die der Fünf-Sterne-Protestbewegung nahestehende Zeitung "Il Fatto Quotidiano", die Proportionen nicht vergessen. Das Blatt erinnerte daran, dass der Römer Flughafen Fiumicino nach Leonardo da Vinci benannt sei, der Flughafen von Venedig nach Marco Polo und jener von Genua nach Christoph Kolumbus.

Neben dem Flughafen gäbe es natürlich auch die Möglichkeit, in Mailand eine Straße oder einen Platz nach Berlusconi zu benennen. Und tatsächlich fordern viele Rechtspolitiker eine "Via Silvio Berlusconi" oder eine "Piazza Silvio Berlusconi". Mailands Bürgermeister Beppe Sala, der einer Mitte-links-Koalition vorsteht, mochte dem Anliegen nicht direkt eine Absage erteilen, aber er machte darauf aufmerksam, dass eine Persönlichkeit, nach der man eine Straße oder einen Platz benennen will, schon mindestens zehn Jahre tot sein müsse. "Das sind nun einmal die Regeln", erklärte Sala. Für Flughäfen gelten diese freilich nicht. Das bedeutet: Es wird wohl eher einen Silvio-Berlusconi-Airport geben als eine "Piazza Silvio Berlusconi". (Dominik Straub, 20.6.2023)