Das Restvermögen der früheren Sberbank Europe AG in Wien (sie war eine Tochter der sanktionierten russischen Sberbank und wurde als Sber Vermögensverwaltungs AG, SVAG, abgewickelt) dürfte mit rund 500 Millionen Euro größer sein als bisher bekannt. Die Gesellschaft wurde ja am 16. Juni von Stephan Zöchling, Investor und unter anderem Miteigentümer des Auspufferzeugers Remus, erworben – möglich wurde das dank einer Ausnahmebestimmung der EU-Sanktionsverordnung gegen Russland. Demnach durften nationale Sanktionsbehörden Transaktionen bis zum 17. Juni genehmigen, vorausgesetzt, sie waren schon vor Sanktionsverhängung im Juli 2022 quasi eingefädelt worden ("ongoing transaction").

Bei der österreichischen Sanktionsbehörde, der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) im Innenministerium, war eine Handvoll Anträge von Interessenten eingelangt, die das Sber-Restvermögen wollten. Neben der Ithuba von Investmentbanker Wilhelm Hemetsberger soll auch Ex-Sberbank-Europe-Chef Gerhard Randa dabei gewesen sein, mit ihm an Bord angeblich Ex-Aufsichtsratschef Siegfried Wolf. Er hat das dementiert. Der Ex-Magna-Chef hat beste Kontakte zu Zöchling und, wie der, zum russischen Oligarchen Oleg Deripaska und Sberbank-Chef Herman Gref. Weiters dabei ein Unternehmer, dessen Transaktion bei ihrer Realisierung Geld in den österreichischen Staatshaushalt spülen sollte, wie zu hören ist. Die DSN erteilte per Bescheiden im Juni allen Interessenten die Genehmigung für ihre Pläne, die Russen entschieden sich für den Verkauf an Zöchling. Der soll ihnen rund 230 Millionen Euro bezahlt haben.

Hohe Forderungen

Neben den bekannten rund 350 Millionen Euro in Cash liegen aber weitere Werte in der Gesellschaft, und zwar in Form von offenen Forderungen über rund 150 bis 160 Millionen Euro gegen Ungarn und Tschechien. Die dortigen Sberbank-Europe-Töchter wurden (nach Sanktionsverhängung gegen Russland) in die Insolvenz geschickt, der genannte Betrag ist bei ihrer Abwicklung übriggeblieben und steht der SVAG zu.

Dem Vernehmen nach soll sie ihren Anspruch bereits bei den Insolvenzverwaltern geltend gemacht haben. Entsprechende Zahlungen aus Serbien und Slowenien wurden schon bezahlt und sind in den 350 Millionen Euro inkludiert, die auf einem RBI-Konto liegen oder lagen.

Hoher Abschlag

Warum die Russen einen solch hohen Abschlag (die Differenz zwischen den rund 500 Millionen Euro an Assets und dem Verkaufserlös von angeblich rund 230 Millionen Euro) in Kauf genommen haben, ist schwer zu sagen, denn Details zur Transaktion sind nicht bekannt. Die Sanktionsbehörde DSN gibt nur preis, dass sie ihrer "Unterrichtspflicht über die Genehmigung" der Transaktion mit der sanktionierten Sberbank Russia an die EU-Kommission nachkomme. Die Kommission könnte eine Überprüfung vornehmen. Welcher Interessent wann genau vor Juli 2022 mit den Russen zu verhandeln begonnen hat oder wann die Anträge bei der Sanktionsbehörde eingelangt sind, ist von der DSN nicht zu erfahren. Angeblich hatte Zöchling kurz vor Closing seiner Transaktion am 16. Juni noch einen weiteren, modifizierten Antrag bei der Behörde eingebracht.

VCP als Berater an Bord

Zöchling selbst gibt auf Anfrage keine Auskunft, ebenso wenig tun das seine Investmentberater von Vienna Capital Partners (VCP) rund um Heinrich Pecina. Bei der VCP, bei der Zöchling einst selbst gearbeitet hatte, war in den Tagen vor dem Deal jedenfalls viel zu tun. In ihrem Büro in der Wiener Innenstadt wurden am 5. Juni im Beisein eines Notars jene Gesellschaften errichtet, die beim Sber-Deal eine Rolle gespielt haben dürften. Die Dabepo Holding GmbH wurde dann am 8. Juni ins Firmenbuch eingetragen, ihre 100-Prozent-Tochter Bepoda BeteiligungsgmbH fünf Tage später. Beide Firmen gehören Zöchling, bei beiden ist er Geschäftsführer, und beide dienen unter anderem dem Erwerb, der Verwaltung und Veräußerung von Unternehmensbeteiligungen.

Das gel-grün-blaue Logo der russischen Sberbank und der grüne Schriftzug Sber.
Die sanktionierte russische Sberbank bekam angeblich 230 Millionen Euro für ihre Assets in Wien.
APA/AFP/Olga Maltseva

Die Namenswahl der Gesellschaften – oder besser: die Zusammensetzung der Silben Da, Be und Po – wird wohl kein Zufall sein. Pobeda ist Russisch und heißt: Sieg. (Renate Graber, 30.6.2023)