Ein Lehrling hobelt ein Stück holz.
Eine Viertagewoche könnte den Lehrlingsjob attraktivieren. Nach aktuellem österreichischen Recht ist das nicht möglich, nach EU-Recht sehr wohl.
IMAGO/Sven Simon

Im Gastbeitrag erklären die Arbeitsrechtsexperten Phillip Maier und Andrea Haiden, welche Vorteile eine Viertagewoche für Ausbildungsbetriebe hätte.

Immer mehr österreichische Unternehmen führen die Viertagewoche ein. Für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist diese Arbeitsform mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Lehrlingen bleibt das Erfolgskonzept der Viertagewoche aufgrund verkrusteter rechtlicher Schranken zur Jugendarbeit in Österreich derzeit allerdings verwehrt. Das befeuert ungewollt den Fachkräftemangel. Dies, obwohl das Unionsrecht mehr Flexibilität bieten würde.

Viertagewoche ist Zukunftsmodell

Der Arbeits- und Fachkräftemangel erfordert ein Umdenken in Österreich, und zwar auf mehreren Ebenen. Viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber haben dies bereits erkannt und bieten neu-gedachte Arbeitsmodelle wie die Viertagewoche an. Bei dieser Arbeitsform wird die gesamte wöchentliche Arbeitszeit anstelle von fünf auf vier Tage verteilt. Dadurch profitieren Arbeitnehmer von einem dreitägigen Wochenende und Arbeitgeber von steigender Produktivität und einer überzeugenden Arbeitgebermarke.

Gesetz verunmöglicht Viertagewoche bei Lehrlingen

Diese Vorteile bleiben Lehrlingsbetrieben aber verwehrt, denn die aktuelle Gesetzeslage verbietet Lehrlingen aufgrund ihres meist jugendlichen Alters eine echte Viertagewoche. Und zwar deshalb, weil Lehrlinge nach dem Gesetz höchsten neun Stunden pro Tag (somit 36 Stunden in vier Tagen) arbeiten dürfen, gleichzeitig aber in Vollzeit, in der Regel zu 40 Stunden, beschäftigt werden müssen. Denn nur durch Vollzeitbeschäftigung kann in Österreich eine umfassende Ausbildung sichergestellt werden. Kollektivverträge sehen teils eine Verkürzung der Arbeitszeit (zum Beispiel 38,5 Stunden) vor. Eine Verteilung der wöchentlichen Arbeitszeit auf vier Tage ist bei (jugendlichen) Lehrlingen aber nicht erlaubt, weil dann die Neun-Stunden-Grenze überschritten werden würde. Lehrlinge werden daher vom Gesetzgeber dazu gezwungen, jedenfalls an fünf Tagen zu arbeiten.

Befeuerung des Fachkräftemangels

Dadurch wird die ordentliche Ausbildung der Lehrlinge deutlich erschwert. Und zwar dann, wenn die Ausbildner der Lehrlinge im Betrieb selbst eine Viertagewoche leben; was mittlerweile häufig der Fall ist. Das wiederum bewirkt, dass die Ausbildungsqualität einer Lehre und schließlich die Kenntnisse von künftigen Fachkräften langfristig abnehmen. Dies hat zur Folge, dass der Lehrberuf an Attraktivität verliert und langfristig somit immer weniger gut ausgebildete Fachkräfte existieren.

Auf der anderen Seite gibt es bestimmte Branchen, in denen sich die starren zeitlichen Schranken für Lehrlinge auch auf die Ausbildner negativ auswirkt und eine Viertagewoche von Vornherein nicht gewährt werden kann. Dies betrifft etwa Branchen, in denen Ausbildner und Lehrlinge ihre Arbeit in auswärtigen Arbeitsstätten verrichten und zu dieser gemeinsam anreisen müssen. Würden die Ausbildner zehn Stunden pro Tag arbeiten, wäre es aus rein logistischen Gründen in den meisten Fällen nicht möglich, dass Lehrlinge ihren Arbeitstag vor den Ausbildnern beenden und ohne diese in den Betrieb zurückkehren. Dies hat zur Folge, dass sich immer weniger Fachkräfte zur Ausbildung von Lehrlingen bereiterklären, was wiederum dazu führt, dass immer weniger junge Menschen eine Ausbildung als Fachkraft abschließen. Diese Gesamtsituation befeuert somit den Fachkräftemangel in Österreich merklich.

Unionsrecht ermöglicht Viertagewoche bereits jetzt

Der Gesetzgeber ist daher gefordert, eine Ausdehnung der täglichen Arbeitsstunden für Lehrlinge auf bis zu zehn Stunden zu regeln. Eine derartige Gesetzesänderung wäre jedenfalls von der EU-Richtlinie zum Jugendarbeitsschutz gedeckt. Diese erlaubt nämlich eine Abweichung vom Achtstundentag, sofern dies besonders begründet wird. Das Kinder- und Jugendschutzgesetz (KJBG) basiert auf dieser Richtlinie. Der österreichische Gesetzgeber hat bereits im Jahr 2015 eine Ausdehnung auf zehn Stunden, soweit davon eine Stunde Reisezeit ist, für Montagearbeiten eingeführt. Begründet wurde dies damit, dass "Montagefahrten" für die Ausbildung notwendig und daher eine Abweichung vom Achtstundentag gerechtfertigt sei. Zu beachten ist hier, dass Reisezeit grundsätzlich als Arbeitszeit zu qualifizieren ist, weshalb es bei Lehrlingen mit Montagefahrten oder ähnlichen Fahrten bereits jetzt einen Zehnstundentag gibt.

Vor diesem Hintergrund ist nicht einzusehen, weshalb Lehrlinge von der echten Viertagewoche ausgeschlossen werden, zumal der Gesetzgeber auch in anderen Fällen eine tägliche Arbeitszeit von zehn Stunden als besonders begründet ansieht. Auch die Viertagewoche für Lehrlinge ist einer derartigen besonderen Begründung zugänglich. Denn nur dadurch können die so dringend benötigten Fachkräfte durch österreichische Unternehmen bestmöglich ausgebildet und betriebliche Abläufe reibungslos sichergestellt werden. Darüber hinaus ist die Viertagewoche natürlich auch aus Sicht der Lehrlinge ein attraktives Arbeitszeitmodell. Gerade junge Menschen wollen und fordern heutzutage aktiv immer mehr Flexibilität im Beruf sowie eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Durch die Viertagewoche kann der Gesetzgeber den Forderungen der jungen Generation entsprechen.

Der Gesetzgeber ist zur Bekämpfung des Fachkräftemangels daher gefordert, eine Ausdehnung der täglichen Arbeitsstunden bei Lehrlingen auf bis zu zehn Stunden zuzulassen, zum Beispiel unter bestimmten Restriktionen, wie etwa für Jugendliche ab 16 Jahren oder unter Zustimmung der Erziehungsberechtigten. Ebenso ist denkbar, die Ausdehnung nur für jene Unternehmen zuzulassen, in denen auch die ausbildenden Fachkräfte regelmäßig an vier Tagen je Woche arbeiten. Der österreichische Gesetzgeber sollte sich in dieser Frage in jedem Fall nicht zu lange Zeit lassen, zumal der Lehrberuf unzweifelhaft eine der Säulen der österreichischen Wirtschaft ist. (Phillip Maier, Andrea Haiden, 8.7.2023)