Eingangsbereich des Landesgerichts für Strafsachen Wien
Ein unversperrtes Automobil und ein drinnen verwahrter Zweitschlüssel brachte ein junges Duo vor die Richterin.
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Wien – Nicht einmal 30 Stunden nachdem in Wien ein 15-Jähriger einen tödlichen Verkehrsunfall auf der Flucht vor der Polizei verursachte, sitzen zwei Gleichaltrige vor Richterin Anna Marchart. Die Staatsanwältin wirft Joel und Kevin den "unbefugten Gebrauch von Fahrzeugen" vor. Die beiden Arbeitslosen sollen am 30. Oktober in ein unversperrtes Auto gestiegen sein, dort den Zweitschlüssel entdeckt und schließlich mit dem Gefährt durch Wien gekurvt sein. Aus Sicht der Anklagebehörde soll das Duo außerdem Dinge aus dem Wagen gestohlen haben: 520 Euro, einen Ring, einen Metallschneider - und einen Schminktisch.

Die beiden Unbescholtenen bekennen sich teilweise schuldig. Ja, sie haben das Auto in Betrieb genommen, und ja, sie haben 20 Euro, die sie hinter der Sonnenblende entdeckten, dafür verwendet, aufzutanken. Die anderen, vom Eigentümer als gestohlen angezeigten Gegenstände hätten sie aber nicht gesehen. "Wie ist es dazu gekommen?", will die Richterin vom Erstangeklagten wissen. "Ich wollte mit Kevin Zigaretten kaufen gehen", erzählt ihr Joel. Auf dem Weg zur Trafik probierte man bei geparkten Automobilen die Türen, bei einem VW Bora gingen sie auf. 

"Ich liebe Autos"

"Warum machen Sie das?", interessiert Marchart. "Ich liebe Autos. Ich hatte sie schon als Spielzeuge und in Videospielen", verrät der Teenager. "Wissen Sie, was dann eine wirklich gute Idee wäre? Machen Sie eine vernünftige Ausbildung, dann können sie sich eines leisten", hat die Richterin einen wertvollen finanziellen Hinweis bei der Hand. "Ich bin leider zu jung für den Führerschein", bedauert der Erstangeklagte. "Dann fahren Sie nicht ohne in fremden Autos herum. Sie verbauen sich Ihre Zukunft!", ermahnt ihn die Richterin.

Der Zweitangeklagte soll zusätzlich mit einem abgesondert verurteilten Bekannten auch in einem Ford Focus gewesen sein. Dass er mit diesem Auto aber auch gefahren ist, bestreitet er. "Wir sind nur drinnen gesessen, Mustafa hat einen Joint geraucht. Dann sind wir wieder gegangen", versucht er zu erklären, warum sein Genmaterial in dem Wagen gefunden wurde. "Es ist aber schon ein großer Zufall, dass Ihre DNA in einem Auto gefunden wird, das später unerlaubt verwendet wird, finden Sie nicht?", fragt die Richterin den 15-Jährigen. Der bleibt bei seiner Geschichte.

Im Fall des Volkswagens bestätigt Kevin die Version seines Mitangeklagten: Sie hätten nur 20 Euro gefunden und keine Gegenstände entfernt. "Wieso machen Sie so was?", will Marchart auch von ihm wissen. "Keine Ahnung", lautet die wenig erhellende Antwort. "Sie sagen das mit einem Lächeln. Ich kann auch Ihnen nur sagen, Sie verbauen sich Ihre Zukunft!", fordert die Richterin mehr Ernsthaftigkeit von dem schmächtigen Pubertierenden ein. "Ich mach eh nix", verspricht der. "Was?" – "Ich bau keine Scheiße mehr." – "Die haben Sie schon gebaut. Deshalb sind wir da", hält Marchart fest. Kevins Verteidiger kann zumindest eine Bestätigung vorlegen, dass sein Mandant erstmals ein Jugendcoaching besucht hat.

Opfer sorgt sich wegen Strafzettel

Den Angeklagten wurde das Auto übrigens später von Unbekannten entwendet und tauchte schließlich im Bezirk Wien-Favoriten auf. Samt Strafzetteln, wie der Eigentümer als Zeuge verrät. Was er mit diesen nun machen solle, will er von Marchart wissen. "Die müssen Sie beeinspruchen. Ich kann da jetzt nichts machen", erklärt die Richterin dem 48-Jährigen. Der an seiner Aussage vor der Polizei festhält: Hinter der Sonnenblende seien 520 Euro gewesen, auf der Heckbank ein Schminktisch gelegen und im Kofferraum ein dazugehörender Stuhl, ein Ring und der Metallschneider. Nur der Stuhl sei noch da. 750 Euro will er, die beiden Jugendlichen bieten ihm die 20 Euro, deren Diebstahl sie zugestehen, an. Der Zeuge weist das empört zurück: "Das ist nicht korrekt!", lässt er übersetzen und verweigert die Übernahme des Geldes, worauf Marchart ihn auf den Zivilrechtsweg verweist, da für sie nicht klar ist, wann die Dinge überhaupt von wem gestohlen wurden. 

Am Ende entnimmt die Richterin noch den Erhebungen der Jugendgerichtshilfe, dass beide Angeklagten eine "schwierige Vergangenheit" hatten, für die sie nichts können. Da sie unbescholten sind, bietet sie ihnen eine diversionelle Erledigung an: Beide sollen in den nächsten beiden Jahren Bewährungshilfe in Anspruch nehmen, Kevin wird zusätzlich eine Ausbildungsweisung erteilt. Da die Burschen ebenso wie die Staatsanwältin einverstanden sind, wird das Verfahren vorläufig eingestellt. "Und Sie halten sich fern von Autos! Außer Sie fahren mit den Eltern mit", appelliert Marchart an die dankbaren Teenager und deren Verwandte. (Michael Möseneder, 6.7.2023)