Anna Sawerthal

In Dharamsala fanden am Donnerstag Geburtstagsfeiern für den Dalai Lama statt.
AP/Ashwini Bhatia

In Tibet gilt der heutige Tag als einer der größten Feiertage im Jahr, ist es doch der Geburtstag von "Seiner Heiligkeit", dem 14. Dalai Lama. Der buddhistische Mönch aus Tibet ist mittlerweile 88 Jahre alt, seit über 70 Jahren lebt er schon im indischen Exil, nachdem er 1959 vor den chinesischen Kommunisten aus seiner Heimat geflohen war. Im Exil begeht man den Feiertag mit allerhand Feierlichkeiten, in Tibet selbst schaut die Situation freilich anders aus: Nicht nur offizielle Feste, sondern auch Feiern im Privaten sind dort seit langem unterbunden. In der Tibetischen Autonomen Region (TAR) ist schon der Besitz von Bildern des Dalai Lama verboten.

Wie im Vorfeld zu seinem Geburtstag nun bekannt wurde, haben die chinesischen Behörden derartige Maßnahmen noch einmal verschärft. Aus verschiedenen Regionen der TAR wird berichtet, dass buddhistische Mönche unter Druck gesetzt werden, Dokumente zu unterschreiben, in denen sie dem Dalai Lama abschwören müssen. Ein Foto, das über geheime Kanäle aus Tibet an Radio Free Asia geschmuggelt wurde, zeigt einen Text, in dem unter anderem steht: „Wir werden rigoros gegen die Dalai-Lama-Clique vorgehen und dem Land (also China, Anm.) gegenüber loyal und ergeben bleiben." Auf dem Foto sind Mönche des Klosters Shartsa im Bezirk Sog im Nordwesten Tibets zu sehen, die ihre Unterschrift unter den Text setzen.

Der Ausdruck "Dalai Lama Clique" wird vom kommunistischen Regime oft verwendet. Damit wird dem Dalai Lama und seinen Anhängern unterstellt, dass sie verschwörerisch an einer Abspaltung Tibets von China arbeiten würden. Offiziell fordern der Dalai Lama und die Exiladministration im indischen Dharamsala allerdings bereits seit den 1980ern bloß echte Autonomie innerhalb der Volksrepublik China.

Unruheregion im Fokus

Derartige Aktionen der kommunistischen Behörden sind in Tibet gang und gäbe. Wer in der TAR zum Beispiel einen Beamtenjob ausüben möchte, darf schon seit Jahren nicht an religiösen Aktivitäten jeglicher Art teilnehmen. Traditionell sind in Tibet allerdings allerhand kulturelle Aktivitäten mit religiösen Traditionen verbunden: Das geht von Picknicks über Klosterbesuche bis zu Pilgerreisen. Schon im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass Menschen, die für die Regierung arbeiten wollen, schriftlich dem Dalai Lama abschwören müssen.

Seit Anfang Juni sollen die Behörden mit Klosterdurchsuchungen in Sog und auch Shentsa begonnen haben. Beide Regionen liegen in Nagchu im Nordwesten der TAR. In Sog kam es zuletzt vermehrt zu Protestaktionen gegen die chinesische Herrschaft in Tibet. Im April wurden dort drei junge Mönche verhaftet. Die Aktion könnte daher im Zusammenhang mit dem größeren Bemühen stehen, Unmut und Proteste aus der Region im Keim zu unterbinden. Aus Tibet unabhängige Informationen zu erhalten, ist allerdings äußerst schwierig. Die Behörden setzen auf drakonische Strafen, um Informationsflüsse nicht nur innerhalb Tibets, sondern auch zwischen der TAR und dem Exil nach eigenen Vorstellungen zu kontrollierten.

Umstrittenes Internatssystem am Pranger

In den vergangenen Monaten haben Gruppen im Exil allerdings vermehrt auf ein umstrittenes Internatssystem aufmerksam gemacht, das bis zu einer Millionen tibetischer Kinder von ihren Familien trennen würde. Dies stellte auch eine Uno-Sonderkommission im Februar fest. Die Kinder würden von ihren Familien getrennt und "zur Assimilation" gezwungen. Traditionen, Religion und Kultur würden in den Internaten unterdrückt, die Kinder könnten sich kaum mehr in ihrer Muttersprache ausdrücken. Damit würden sie die Möglichkeit zum Austausch mit ihren Eltern und Großeltern verlieren, so die Uno-Experten im Bericht. "Wir sind sehr beunruhigt, dass das Internatssystem für tibetische Kinder seit einigen Jahren wie ein großangelegtes Zwangsprogramm wirkt, um die Tibeter in die Mehrheitskultur der Han-Chinesen zu integrieren." Jene Politik verstoße gegen internationale Menschenrechtsstandards.

Der Dalai Lama fordert seit Jahrzehnten ein Ende des "kulturellen Genozids": In Tibet müsse es echte Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit geben. Besonders der mögliche Verlust der Sprache bereitet vielen Tibetern und Tibeterinnen große Sorgen. Internate für die sogenannten Minderheiten des Landes gibt es schon lange. Oft wird die Aufnahme in so eine Institution von den Eltern selbst als großer Erfolg des Kindes und Chance für dessen Zukunft angesehen. Dass dahinter System steckt, ist vielen nicht bewusst. Vor allem seit Xi Jinping 2012 an der Macht ist, hat sich der Druck verstärkt und systematisiert.

China weist die Vorwürfe zurück: Das Netzwerk an Internaten für die Minderheiten basiere auf Freiwilligkeit. Außerdem würde in den Schulen auch die tibetische Sprache oder tibetischer Tanz unterrichtet, gab eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums an. Im April berichtete die Uno-Kommission außerdem, dass Erwachsenen-Ausbildungszentren ebenfalls die kulturelle Identität bedrohen und sogar zu Zwangsarbeit führen können. Auch diese seien ein Vorwand, die religiöse, sprachliche und kulturelle Identität der Tibeter zu untergraben, so die sechs Uno-Sonderberichterstatter in einem Bericht. (Anna Sawerthal, 6.7.2023)