Weltumspannender Blick auf Farben, Flächen und Formate: Christine Ljubanovićs "Conversation Portraits" sind mittlerweile auch ein Thema für das Pariser Centre Pompidou.
Sophie Tramier

Christine Ljubanović nähme es einem vermutlich nicht krumm, würde man sie als Schönfärberin bezeichnen, denn im ursprünglichen Wortsinn war damit jemand gemeint, der sich besonders gut auf das Färberhandwerk und das Erzielen schwieriger Farbtöne verstand. Und auf Farben und Pigmente versteht sich die 1939 im Tiroler Zams geborene und seit gut fünfzig Jahren in Paris lebende Künstlerin ganz hervorragend.

Seit Jahrzehnten betreibt Ljubanović eine Art künstlerisch-ethnografische Welterkundung, zu der auch die akribische Suche nach verborgenem Wissen über Farbe gehört. Mehrmals reiste sie dafür um die Welt, besuchte eine Oasenstadt in Nordafrika, in der einst die Indigo-Produktion florierte, oder ein stillgelegtes Bergwerk in Brasilien, in dem Fuchsit zu finden ist, ein Mineral, aus dem bis heute grünes Pigment für die Herstellung von Farben gewonnen wird.

Forscherin, Sammlerin, Archivarin und Entdeckungsreisende: All das trifft es also besser, beschreibt aber noch den experimentellen Geist, mit dem die heute 84-Jährige ihre gewonnenen Erkenntnisse in hunderten grafischen Blättern verarbeitet.

Farbliche Verhältnisse

Es entstehen Topografien und ganze Weltkarten, auf denen sie die globalen Wege von historischen Pigmenten wie Ägyptischblau oder Zinnoberrot, aber auch von Mustern nachzeichnet. Und aus denen sich mitunter auch einiges über an Farben geknüpfte soziale Verhältnisse ablesen lässt. Das aus Porphyr gewonnene Pigment etwa war aufgrund seiner purpurnen Farbe einst Kaisern und deren Bildnissen vorbehalten, Ljubanović beansprucht es nun kurzerhand für sich – denn wenn sich Anish Kapoor eine eigene Farbe sichern könne (der Künstler erwarb die exklusiven Nutzungsrechte für die künstlerische Verwendung von "Vantablack"), dann wolle sie auch eine haben. Sagt die Künstlerin mit einem hintergründigen Lächeln.

Nach dem Studium an der Wiener Angewandten war Ljubanović zunächst als Grafikdesignerin tätig, Anfang der 1960er-Jahre heuerte sie im Innsbrucker Atelier von Arthur Zelger an, später verlegte sie sich auf die Illustration von Kinderzeitschriften und -büchern, zunächst noch in Innsbruck, ab den 1970ern auch in Paris. Neben dem Brotberuf entstanden künstlerische Arbeiten, die sich alsbald zu Langzeitprojekten etwa über weltweite Schriftsysteme (Alphabete und Zeichen) auswuchsen.

Filmische Sequenz

Ljubanović verfolgte sie über Jahrzehnte hinweg mit bemerkenswerter Konsequenz – und weitgehend unter dem Radar einer breiten Kunstöffentlichkeit. In den letzten Jahren häufen sich jedoch die Würdigungen, zuletzt erhielt sie den mit 20.000 Euro dotierten großen Kunstpreis der Tiroler Klocker-Stiftung. Im Klocker-Museum in Hall bei Innsbruck ist ihr nun auch eine Ausstellung gewidmet, im Mittelpunkt stehen ihre künstlerischen Spurensuchen zu Farben / Pigmenten / Mustern / Skalen (FPMS), zu sehen sind aber auch fotografischen Arbeiten. Conversation Portraits nennt sich eine Werkserie, in der das Porträt zur filmischen Sequenz wird: Auf je einem Kontaktabzug dokumentiert Ljubanović seit den 1970er-Jahren ihre Zusammentreffen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, Kuratoren oder Wegbegleiterinnen.

Yoko Ono und Hito Steyerl treten im aktuell ausgestellten Fall neben Margaritha Haueis, einer Wirtin aus dem Heimatort Ljubanovićs, auf, mit der sie eine fast familiäre Beziehung verband. Einen großen Teil der Conversation Portraits hat zuletzt das Pariser Centre Pompidou angekauft. (Ivona Jelcic, 7.7.2023)