Carl Moll Bild
Carl Molls in der Literatur bislang unbekannte Ansicht der Promenade in Venedig wird demnächst bei Freeman’s Auction versteigert. Der Schätzwert beläuft sich auf umgerechnet 55.000 bis 92.000 Euro.
Freeman’s Auction

Fondamenta Zattere nennt sich die Promenade Venedigs, die sich auf einer Länge von 1,7 km von San Basilio bis Punta della Dogana erstreckt. Etwas abseits vom geschäftigen Treiben der Lagunenstadt und mit malerischem Blick auf den Giudecca-Kanal lädt sie zum Flanieren ein. Der bis heute gültigen Empfehlung für Touristen folgte schon Carl Moll, wie das Gemälde Venedig, Zattere belegt, das am 18. Juli bei Freeman’s Auction in Philadelphia versteigert wird.

Das US-amerikanische Auktionshaus wurde hierzulande im Februar 2021 bekannt, als es für ein 1905 von Moll gemaltes Interieur aus der Döblinger Villa der Familie Zuckerkandl den unangefochtenen Auktionsrekord für den Künstler erzielte: 4,75 Millionen Dollar (inkl. Aufgeld) oder umgerechnet 3,9 Millionen Euro.

Das aktuell angebotene Motiv spielt freilich in einer anderen Liga: Die Erwartungen für das 34 mal 35 cm kleine Format belaufen sich auf 60.000 bis 100.000 Dollar oder umgerechnet etwa 55.000 bis 92.000 Euro. Eine marktkonforme Schätzung verglichen mit anderen Bildern dieser Größe und Werkphase (1926–1929), die zuletzt zu Hammerpreisen zwischen 38.000 bis und rund 120.000 Euro den Besitzer wechselten. 

Nachtrag im Online-Werkverzeichnis

Wie dieses motivische Venedig-Souvenir, das Moll 1926 im Umfeld einer Reise an die italienische Riviera schuf, den Weg in die USA fand? Die Katalogangaben des Auktionshauses geben darüber keine Auskunft, sieht man davon ab, dass der Verkäufer das Bild 2007 aus einer Privatsammlung in Maine erwarb.

In dem 2020 von Belvedere-Direktorin Stella Rollig und dem Leiter des hauseigenen Research-Centers Christian Huemer herausgegebenen Werkverzeichnis finden sich dazu keine Informationen. Denn das Bild war von der zuständigen, mittlerweile pensionierten Mitarbeiterin Cornelia Cabuk nicht erfasst bzw. mit einem Werk ähnlichen Motivs verwechselt worden.

Von der Existenz des nun in den USA aufgetauchten Bildes erfuhr man erst vergangenes Jahr, als der Privateigentümer das Museum kontaktierte. In der Onlineversion des Werkverzeichnisses wurde das Gemälde im März 2022 nachgetragen, wie auf Anfrage in Erfahrung zu bringen war. Nähere Angaben zur Provenienz scheinen dort auch nicht auf.

Anlässlich der Künstlerhaus-Ausstellung in Wien auf der Rückseite des Gemäldes angebrachten Etiketten haben sich erhalten.
Freeman’s Auction

Künstlerhaus-Archiv

Gibt die Rückseite des Gemäldes eventuell Aufschluss auf Vorbesitzer oder einen Transport über den Atlantik? Nicht auf den ersten Blick, aber alte Etiketten liefern einen Anhaltspunkt. Demnach war das Bild 1926 im Künstlerhaus gezeigt worden, genauer in der damals von Ende April bis Anfang Juli anberaumten Jahresausstellung. Eine Anfrage beim Künstlerhaus-Archiv erweist sich als lohnend: "Zattare" [sic!] wurde, wie alle von 1868 bis Ende 1968 dort ausgestellten Kunstwerke, in einem der sogenannten Einlaufbücher dokumentiert.

Wie Archivar Nikolaus Domes informiert, war das Bild am 16. Juli 1926 an die Spedition Bäuml ausgefolgt worden. Der entscheidende Hinweis auf einen Vorbesitzer findet sich im Verkaufsbuch des Jahrgangs: Dort ist ein "Richard Herzfeld, Adresse: Equitable Trust Co, 37 Wall Street, N. Y. City", als Käufer vermerkt, der für Zattere b. Venedig am 3. Juli 1926 800 Schilling bezahlte, wovon das Künstlerhaus 200 Schilling als Provision einbehielt und den Rest an Moll ausbezahlte.

Deutscher Börsianer aus New York

Richard Herzfeld? Nachfrage bei dem auf das jüdische Großbürgertum Wiens (1800–1938) spezialisierten Genealogen Georg Gaugusch: Wohl kein familiärer Bezug zu Österreich, vielmehr war Richard Herzfeld (1858–1940) aus Deutschland gebürtig in die USA ausgewandert, gründete in New York eine Familie und verstarb 1940 in Lugano. Von Beruf war er Börsianer, so Gaugusch, und reiste regelmäßig nach Europa. Ebenso nach Österreich, wie Erwähnungen von Kuraufenthalten in Bad Gastein in heimischen Tageszeitungen oder der Kauf des Moll-Bildes belegen.

Die Ermittlung des Erstbesitzers der Venedig-Ansicht belegt indes auch Versäumnisse bei der Erstellung des Werkverzeichnisses im Belvedere.

Wie Der STANDARD bereits 2021 berichtete, war dabei etwa auf historische Provenienzangaben kein Wert gelegt worden. Selbst in Ausstellungskatalogen oder jüngerer Fachliteratur dokumentierte Leihgeber und Besitzer hatte man ignoriert. Teils wurden diese mittlerweile online nachgetragen. Und die in der Kunst- und Provenienzforschung als relevante historische Quelle geläufigen Verkaufsbücher im Künstlerhaus-Archiv? Sie dürften, so scheint es, beim "Projekt Moll" bisher gar nicht bearbeitet worden sein. (Olga Kronsteiner, 7.7.2023)