Jo Angerer aus Moskau

Nach dem Ende des "Marsches der Gerechtigkeit" der Söldnergruppe Wagner gen Moskau am 24. Juni war tagelang unklar, wo sich Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin aufhält. In Belarus, wohin er und seine Söldner ins Exil gehen sollten? Dort war er wohl nicht lange. Am Montag wurde bekannt: Bereits fünf Tage nach der gescheiterten Rebellion war er wieder zurück und traf in Moskau den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Dies bestätigte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Teilgenommen habe die Führungsspitze von Prigoschins Privatarmee, so Peskow. "Tatsächlich hatte der Präsident ein solches Treffen organisiert, er lud 35 Personen dazu ein – alle Kommandanten der Abteilungen und die Führung des Unternehmens, darunter auch Prigoschin selbst."

Wenige Details bekannt

Drei Stunden habe dieses Treffen gedauert, über Einzelheiten wollte Peskow nichts sagen, nur so viel: "Das Einzige, was wir sagen können, ist, dass der Präsident eine Einschätzung des Vorgehens des Unternehmens an der Front während der 'Spezialoperation' abgegeben hat." Laut Peskow hörte sich Putin auch die Erläuterungen zum Marsch auf Moskau an und bot ihnen weitere Optionen für den Einsatz an. "Die Kommandanten präsentierten ihre Version des Geschehens, betonten, dass sie überzeugte Anhänger des Staatsoberhauptes und des Oberbefehlshabers seien, und sagten auch, dass sie bereit seien, weiter für das Vaterland zu kämpfen."

Prigoschins Kämpfer werden wohl zunächst ins Exil nach Belarus gehen. Laut den Experten des US-Instituts für Kriegsstudien würden drei Militärlager aufgebaut werden. Von 300 Zelten ist die Rede, bis zu 15.000 Wagner-Söldner könnten dort untergebracht werden. Doch dort werden sie womöglich nicht allzu lange bleiben. In einer Audiobotschaft, veröffentlicht nach der gescheiterten Rebellion, hatte Jewgeni Prigoschin angekündigt, dass in naher Zukunft jeder "unsere nächsten Siege an der Front" sehen werde. Unklar ist, wann diese Audiobotschaft aufgenommen wurde. Belarus ist Aufmarsch- und vor allem Nachschubgebiet des russischen Militärs. Die kampferprobte Wagner-Truppe könnte dort jederzeit neu bewaffnet und in Marsch gesetzt werden.

Schon vor seinem Marsch auf Moskau kämpfte Jewgeni Prigoschin mit zum Teil harten verbalen Bandagen gegen Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu und dessen Generalstabschef Waleri Gerassimow. "Die meisten Kommandanten des Verteidigungsministeriums werden mir zustimmen, dass die Führung des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation eine Gemeinschaft von Laien ist", durfte einer seiner Wagner-Kommandanten, jüngst ausgezeichnet als "Held Russlands", auf Telegram schreiben.

Generalstabschef Waleri Gerassimow (li.) dürfte in der Gunst Wladimir Putins (Mi.) nicht mehr allzu hoch stehen. Verteidigungsminister Sergej Schoigu hingegen bleibt – vorerst – im Amt.
AP/Mikhail Klimentyev

Laut einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada befürworten 46 Prozent der Russen Prigoschins Kritik. Möglicherweise reagiert nun der Kreml darauf. Die Zeitung Moscow Times berichtet unter Berufung auf die für gewöhnlich gut informierten Telegram-Kanäle Rybar und Romanov Light, Generalstabschef Gerassimow müsse den Oberbefehl über den Ukraine-Einsatz abgeben und würde durch Michail Teplinski ersetzt. Weder der Kreml noch das Ministerium bestätigen dies.

Generalstabschef im TV

Gut zwei Wochen nach der Rebellion der Wagner-Söldner ist Gerassimow indes erstmals wieder öffentlich aufgetreten. Das Verteidigungsministerium veröffentlichte ein Video, das ihn bei einer Sitzung mit führenden Generälen am vergangenen Sonntag zeigen soll. In diesem Video wird er als Chef des Generalstabs der russischen Streitkräfte bezeichnet, also mit seinem offiziellen Posten. Damit will das Ministerium wohl demonstrieren, dass Gerassimow seinen Posten bislang behalten hat.

Unklar ist das Schicksal des Prigoschin-Vertrauten Sergej Surowikin, Gerassimows Stellvertreter als Kommandant des Militäreinsatzes in der Ukraine. Er ist auf dem Video nicht zu sehen, wird von seinem Vize vertreten. Spekuliert worden war über seine Verhaftung und über einen möglichen Hausarrest jenes Mannes, der wegen seiner brutalen Kriegsführung in Syrien auch "General Armageddon" genannt wird. (Jo Angerer aus Moskau, 10.7.2023)