War nur im TV zu erleben: Carmen (Joyce El-Khoury) wird von Don José (Brian Michael Moore) ermordet.
OPERIMSTEINBRUCH.AT/JERZY BIN

Im Laufe des Tages ist nicht nur mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen; gemeinhin wandern auch Temperaturen abwärts. Das Regieduo Klimawandel/Sommer jedoch bereitete am Mittwoch den Höhepunkt seiner Inszenierung, die mit einer Regen-Sturm-Szene zum Abbruch der Carmen-Premiere führte, allerdings mit einem Täuschungsmanöver vor. Mit Temperaturen, die ahnen ließen, wie sich Frösche fühlen, die bei lebendigem Leibe gekocht werden, verbreitete das Duo Hoffnung, Carmens Ableben könnte wolkenfrei ins Trockene gesungen werden.

Nur Dirigent Valerio Galli schien eine düstere Unwetterahnung geplagt zu haben. Mit dem Orchester, das elegant klang, reizte er die Tempi bisweilen aus, als wollt er rasend möglichst viel Oper vermitteln, bevor sie zum Fragment würde. War nicht nötig. Bizets One-Hit-Wonder, in dem mehr Gassenhauer verewigt sind als in allen Opern etwa von Landsmann Charles Gounod, ist ja vom ersten Ton an eine Jukebox eingängiger Melodien.

Das Herz fleht

Vor dem Abbruch war zu erleben, dass etwa die "Habanera" bei Joyce El-Khoury glückte. Es gab Herablassung und kantablen Charme im Pas de deux, dem Don José – auch in der Blumenarie – Kultiviertes entgegenschmetterte. Brian Michael Moore flehte edel um Zuneigung und packte auch Wut in Wohlklang. Alles mikroverstärkt natürlich.

Interessant die Inszenierung von Arnaud Bernard im Bühnenbild von Alessandro Camera. Sechs riesige, drehbare Wände verhüllen zwar die imposante Wildheit des Steinbruchs, allerdings hat das seinen Sinn: Die freiheitsliebende Carmen und der vernarrte Sergeant Don José sind hier in einem Filmstudio der 1950er-Jahre gelandet. In Hollywood wird ein Carmen-Film gedreht, der die Handlung in den spanischen Bürgerkrieg der späten 1930er-Jahre verlegt. Für die präzise Regie, die in Massenszenen herzhaft raufen lässt, ist allerdings die breite Bühne des Römersteinbruchs eine Hürde.

Zu wenige Augen

Die genauen Simultanszenen fordern beim Betrachten harte Entscheidungen: Geht der Blick in Richtung Gesang oder auf die andere Bühnenseite, wo etwa Widerstandskämpfer aus dem Gefängnis ausbrechen? Mitunter hätte man vier Augen benötigt, um alles mitzubekommen; auch schon ein bisschen bei der Ouvertüre, die einiges an Kriegstumult bot. Immerhin klar erkennbar jener tollkühne Mann, der wie eine Fackel brennend auf einem Fahrrad über die Bühne fuhr!

Theaterbesucher und -besucherinnen suchen Schutz vor dem Regen
Besuchende suchten Schutz im Steinbruch in St. Margarethen. Aufgrund des Gewitters wurde der Premierenabend abgebrochen.
APA/MARTIN FISCHTER-WÖSS

Zweifellos zirkusreif – das mag sich auch Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil gedacht haben, der mit seinen Besuchern großkoalitionäre Stimmung verbreitete. Die SPÖ-Oberen glänzten durch Abwesenheit. Zugegen war hingegen die ÖVP in Gestalt von Außenminister Alexander Schallenberg, Steiermarks Landeschef Christopher Drexler und Wirtschaftsminister Martin Kocher.

Keine Ahnung, was die Politik darüber dachte, dass praktisch vor jeder Arie ein in die Inszenierung implantierter Filmregisseur "Action" rief oder ein finales "Cut" nachlegte. Es spielte dann plötzlich auch keine Rolle mehr: Zuerst ein paar dicke Tropfen, dann ein warmer, sanfter Regen, der sich schließlich mit Sturmböen maximal ungemütlich vereinte, worauf Intendant Daniel Serafin alle bat, in Deckung zu gehen. Man würde vom Unwetter zwar nur kurz gestreift, aber bitte Schutz suchen! Viele hatten es schon vor den Intendantenworten getan. Jene, welche die Intensität der duschartigen Erfrischung zu spät erkannten? Ein Teil ergriff die Flucht in Richtung Auto oder Bus. Andere versuchten, ohne Unterschlupf als Menschenschwamm gegen die Windzerstörung ihres Regenschirms anzukämpfen. Von der Feuerwehr über den Abbruch informiert, ergriffen schließlich weitere, dann alle die Flucht.

Nach Ganzkörperregenbad im Bus gelandet, ergab eine – für sie exklusiv – durchgeführte Recherche, dass Carmen auf ORF 3 tatsächlich weiter ihrem Untergang entgegensang. Man zeigte die aufgezeichnete Generalprobe. Wenn also SPÖ-Chef Andreas Babler und andere Genossen TV-mäßig dabei waren, sahen sie einen Terroranschlag gegen das Umfeld von General Franco, während Don José ein letztes Mal Carmen, die Widerstandskämpferin, zur Liebe zwingen will. Er ersticht sie klassisch, wird aber auch selbst erschossen. Ob das Publikum dem Regisseur das Ende wird übelnehmen können, entscheidet das Duo Klimawandel/Sommer bei Folgevorstellungen – bis 20. August. (Ljubiša Tošić, 13.7.2023)