Janja Garnbret im Vorstieg in der Kletterwand
Die slowenische Olympiasiegerin Janja Garnbret warnt vor einer strukturellen Entwicklung im Klettersport: "Wollen wir eine weitere Generation von Skeletten großziehen?"
IMAGO/Eibner

Im Klettern ist es wie im Idealbild der Gesellschaft: Ein paar Kilo weniger wären kein Nachteil. Wenn der Körper weniger wiegt, lässt er sich einfacher die Wand hochziehen. Das kann bei zähen Routen entscheidend sein. In der Szene haben sie dafür ein eigenes Wort: Kletterinnen und Kletterer beschreiben ihren Sport als gewichtssensibel.

In letzter Zeit ergab sich ein bedenklicher Trend; einzelne Profis haben es übertrieben, sie suchen den Erfolg durch Unterernährung. Der Großteil der Athleten macht sich Sorgen um den Sport und fürchtet, dass eine ganze Generation an abgemagerten jungen Sportlern nachkommt. Ärzte warnen vor den Konsequenzen, denn die Grenze zu einer Essstörung verschwimmt. Im Extremfall bleibt bei anhaltender Unterernährung die Periode aus; oder Knochen brechen plötzlich und ohne Trauma, weil die Knochendichte sinkt. Eine vermeintlich einfache Lösung wird vom Weltverband blockiert.

"Ich bin verärgert", sagt Eugen Burtscher. "Wir verlieren Athleten, die geschützt werden müssten." Burtscher ist Allgemeinmediziner und Präsident des österreichischen Kletterverbands. In den vergangenen sechs Jahren arbeitete er auch für den Weltverband IFSC, als ehrenamtlicher Leiter von dessen ärztlicher Kommission. Dabei hat er alarmierende Beobachtungen gemacht und darauf hingewiesen, dass mehrere Athletinnen und Athleten nicht gesund sind: Sie wiegen erschreckend wenig. Er machte Vorschläge, der Lage entgegenzuwirken, doch der IFSC zögert bis heute und setzt sie nicht um. "Irgendwann verlierst du die Lust, gegen eine Wand zu rennen", sagt Burtscher. Vor kurzem hat er sein Amt als Berater im Weltverband zurückgelegt.

Wenn die Energiezufuhr nicht ausreicht

Die Gefahr liegt im Relativen Energiedefizit RED-S. Dabei wird dem Körper über die Ernährung weniger Energie zugeführt, als er braucht. Der Körper fängt an zu priorisieren, stellt Funktionen ab, die gerade nicht benötigt werden. Der hormonelle Stoffwechsel kann gestört sein, bei Jugendlichen ist das Wachstum eingeschränkt.

Eigentlich hat sich der Klettersport gut entwickelt. Das Regelwerk in der Disziplin Vorstieg, bei der man mit Seil und Zwischensicherungen zum Einhängen klettert, wurde im Format verkürzt. Das Limit beträgt statt zwölf nun sechs Minuten. Wer in dieser Zeit am weitesten die Wand hochklettert, hat gewonnen. Die Änderung bevorzugt muskulösere Profis, die Disziplin wurde athletischer, magere Athleten hätten mutmaßlich keinen Vorteil.

Die zuletzt schlechte Entwicklung entstand durch einen Segen. Klettern war 2021 in Tokio erstmals im Programm der Olympischen Spiele. Das weckte Begehrlichkeiten, denn der Ausblick auf eine Olympiamedaille bedeutet Prestige und Geld für nationale Verbände. Manche versuchten es mit den Konzept, als Leichtgewicht an den Start zu gehen. "Der Körper ist eine Langzeitmaschine", sagt Burtscher. "Die Profis denken aber nur an die Medaille und nicht daran, wie es ihnen in zehn oder 20 Jahren geht."

Das ideale Gewicht

Anruf bei Jakob Schubert, mehrfacher Kletterweltmeister aus Innsbruck. Er beschreibt, dass er sich zwar mit einer gesunden Ernährung beschäftigt, aber keinem strikten Ernährungsplan folgt. In seiner Trainingsgruppe sei Gewicht kaum Gesprächsthema. "Trotzdem", sagt Schubert, "geht es bei uns in die Richtung, dass einige schlanker sind. Man steht vor der Frage: Soll ich das auch probieren? Das Problem muss man wegkriegen."

Schubert sagt, jeder Athlet habe sein Idealgewicht, mit dem er sich wohlfühle. "Wenn sie dann abnehmen, sind sie unzufrieden." Schubert wiegt seit zehn Jahren fast dasselbe, seither liegt er zwischen 64 und 66 Kilo bei 1,73 Meter Körpergröße. "Ich habe zu Hause nicht einmal eine Waage, ich wiege mich hin und wieder im Olympiazentrum, das war's." Das Thema Unterernährung sei aus seiner Sicht bei weiblichen Aktiven präsenter.

Eine repräsentative Umfrage unter Kletterinnen aus dem Spitzensport hat gezeigt, dass die Hälfte regelmäßig an eine reduzierte Ernährung denkt, um für den Wettkampf ihr Gewicht zu reduzieren. In der Kohorte kommt es deutlich häufiger zu einer ausbleibenden Periode als in der Normalbevölkerung: Kletterinnen sind sieben Mal häufiger davon betroffen.

Routen und Tests

Wie lässt sich das Problem lösen? Schubert hat einen technischen Ansatz. "Man kann im Routenbau entgegenwirken", sagt er. Speziell in der Disziplin Bouldern, dem Klettern ohne Seil, könnte vermehrt auf Griffe gesetzt werden, die kraftvolle Züge erzwingen. "Es gibt Boulder, wo es kein Vorteil ist, wenn man wenige Muskeln hat, weil man sie dort braucht. Aber das ist auch nicht die Lösung. Es braucht eine, die die Athleten vor sich selbst schützt. Danach sehnen sich alle."

Mediziner Burtscher hat zwar nicht die Lösung, aber zumindest ein Konzept. Er fordert verpflichtende BMI-Messungen bei Wettkämpfen. Wenn diese auffällig sind, werden Befunde angefordert, um etwa das Relative Energiedefizit auszuschließen. Erhärtet sich der Verdacht, sollen Athleten gesperrt werden, bis sie sich regeneriert haben.

Der Weltverband will Burtschers Rat nicht folgen. Er fürchtet rechtliche Konsequenzen, denn eine Wettkampfsperre käme einem Berufsverbot gleich. Im Idealfall, sagt Burtscher, kümmern sich nationale Verbände um die Gesundheit ihrer Athleten und entsenden sie auch nicht mehr zu Wettkämpfen, wenn diese krank sind. Doch das widerspricht den Ambitionen, bei Olympia oder Weltmeisterschaften Erfolge zu feiern.

Nachwuchs an Skeletten

Schon im vergangenen Jahr nannte Olympiasiegerin Janja Garnbret aus Slowenien die Unterernährung als größtes Problem des Sports. Bei einer Podiumsdiskussion brachte sie die Szene zum Nachdenken, speziell was die Nachwuchsarbeit im Klettern betrifft. Sie forderte eine Wettkampfsperre bei Untergewicht und sagte: "Wollen wir eine neue Generation an Skeletten großziehen?"

Schubert erzählt, er habe von Zwölfjährigen gehört, die mageren Profis nacheifern und denken, sie müssten äußerst dünn sein, um erfolgreich zu sein. "Dieses Bild wollen wir nicht", sagt Schubert, "das ist das Allergefährlichste." (Lukas Zahrer, 17.7.2023)