Mamma Mia Mörbisch
Sophie (Anna Rosa Döller) und ihr Verlobter Sky (Timotheus Hollweg) tanzen ins griechische Glück.
Marco Sommer

Mörbisch – In diesem Sommer liegt Mörbisch bekanntlich am Mittelmeer. Besser: sollte liegen. Bei der Anfahrt fällt Regen auf das palatschinkenflache Land. Erstes burgenländisches Theatergesetz: Freiluftpremieren haben an Schlechtwettertagen in Hochdruckphasen stattzufinden. Klingt unmöglich, gelingt immer. Im Gastrobereich des Festspielhauses scheint trotzdem die Sonne, es wird schon mal vorgeglüht.

Vor dem Start dann über dem Neusiedler See ein Regenbogen und ein Abendhimmel in Orangerosahellblau. Mit stählernem Charme begrüßt Alfons Haider vom Präsidenten abwärts so ziemlich alle. Die Seefestspiele und ihren Generalintendanten gibt es seit 1957, beide sind top in Schuss. Mit einer halben Stunde Verspätung geht's los.

Die Bühne (Walter Vogelweider) schaut aus, als ob Daniela Katzenberger gebeten worden wäre, ihre Griechenland-Fantasie zu materialisieren. Oder macht hier die Familie Putz Urlaub? Check: Zielgruppe abgeholt. Es gibt sogar einen kleinen Hafen! Legt da vielleicht gleich Florian Silbereisen mit dem Traumschiff an, als Überraschungsgast? Geht sich größenmäßig leider nicht aus. Aber Barbara Wussow sitzt im Publikum, immerhin. Schon bald wirbelt ein buntbekleidetes Ballett (Choreografie: Jonathan Huor) herum. Es ist fast so schön hier wie im ZDF-Fernsehgarten.

Unzerstörbar gute Laune

Die Musik (Leitung: Michael Schnack) ist gnadenlos laut, und auf der Bühne haben alle eine unzerstörbar gute Laune. Außer Tavernenbetreiberin Donna, natürlich. Muss man den Inhalt des Abba-Musicals Mamma Mia! nach dem sensationellen Erfolg der Verfilmung von 2008 noch zusammenfassen? Gut, ganz kurz: griechische Insel, frustrierte Mutter, verliebte Tochter. Letztere lädt ihre drei möglichen Väter zu ihrer Hochzeit ein. Konfusionen und Klamauk, dazwischen eine Druckbetankung mit über 20 Abba-Evergreens. Ein Hit geht noch, ein Hit geht noch leicht!

Mamma Mia! ist für Mörbisch ein Jackpot. Letzten Sommer kamen zu Der König und ich statt der erhofften 96.000 Besucher nur 78.811. Das hätte wohl auch die ursprünglich von Peter Edelmann angesetzte Lustige Witwe geschafft – genau, jener Seefestspielchef, der dann unschön vom Spielfeld geschubst wurde. Bei Mamma Mia! brummt der Laden aber wie ein Trafo: Zu 30 Vorstellungen werden um die 180.000 Besucher erwartet. Das weckt Erinnerungen an Harald Serafins Rekordsommer von 2009 (mit My Fair Lady).

Fantasievoller Albtraum

Aber wer schaut sich das an, und warum nur? Rätsel über Rätsel. Sogar wenn man Abba mag, kann man bei diesem Musical leiden. Natürlich schnurrt das Ding unter Andreas Gergens Regie mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks ab. Gesprochen wird leider in keimfreiem Hochdeutsch; bei den Spurenelementen von Lokalbezug, die das deutsche Textbuch zulässt, lacht das Publikum dankbar auf. Fantasievoll Gergens Bebilderung von Sophies Albtraum, bei der man bei den Männern Bocksbeine sieht sowie die arschknappsten Goldhöschen ever (Kostüme: Aleksandra Kica).

Bei den Solisten sind die Herren sehr gut, die Frauen herausragend: Bettina Mönch ist als Donna gesanglich eine Klasse für sich. Eine perfekte Prinzessin, wenn auch der verwechselbaren Art: Anna Rosa Döller als Sophie. Timotheus Hollweg hat als ihr Verlobter Sky seine Schnöselhaare schön, darüber hinaus gelingt es dem 22-Jährigen, sprachlich eine persönliche (Wiener) Note in sein Spiel zu bekommen: Halleluja! Mehr davon, bitte! Dass im Musical Individualität möglich und erfolgreich ist, beweist das Linzer Landestheater seit Jahren. Gesanglich eine Wucht: Milica Jovanovic und Ines Hengl-Pirker als Donnas Freundinnen Rosie und Tanja. Fazit um Mitternacht: Thank you für the music. (Stefan Ender, 14.7.2023)