Dominik Straub aus Rom

Bär
Im April hatte eine Bärin einen jungen Jogger in den Trentiner Wäldern getötet (Symbolbild).
IMAGO/Dominik Kindermann

Das Urteil war mit Spannung erwartet worden: Vor allem vom Präsidenten der autonomen Provinz Trentino, Lega-Mann Maurizio Fugatti, der die Bärin JJ4 auf die Abschussliste gesetzt hatte, aber auch von zahlreichen Umweltschutzorganisationen, die gegen den Tötungsbefehl juristisch vorgegangen waren. Nur eine hat von dem ganzen Rummel und dem monatelangen gerichtlichen und politischen Tauziehen nichts mitbekommen: JJ4 selber, die Protagonistin des Dramas. Die 17-jährige Bärin hatte am 5. April im Val di Sole im Trentino einen einheimischen Jogger angegriffen und getötet. Die Bärenmutter war vom 26-jährigen Freizeitsportler wohl überrascht worden und hatte ihre drei Jungen verteidigt. Nun lebt JJ4, die auch Gaia genannt wird, im Bärengehege von Casteller: Nach ihrer tödlichen Attacke war die Bärenmutter eingefangen worden.

Mit dem Entscheid des Römer Staatsrats steht nun fest: Gaia darf am Leben bleiben. Laut den höchsten Verwaltungsrichtern des Landes ist der Abschussbefehl von Provinz-Präsident Fugatti "unverhältnismäßig"; im Gehege von Casteller stelle Gaia keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit mehr dar. Außerdem widerspräche eine Tötung den nationalen und internationalen Schutzbestimmungen für die größten Landraubtiere Europas, betonte der Staatsrat. Und vor allem: Die Umweltschutzorganisationen haben für Gaia bereits ein neues Zuhause gefunden: Einen großen Wildtierpark für Bären in Rumänien, das Libearty Bear Sanctuary von Zărnești. Sowohl die rumänischen Behörden als auch das italienische Umweltministerium haben für den Umzug von Gaia bereits grünes Licht gegeben.

Glaubenskrieg um Bärenpopulation

Der tödliche Zwischenfall zwischen Mensch und Bär vom April - der erste der Neuzeit in Italien - hatte im Trentino große Betroffenheit ausgelöst und zu einem bis heute anhaltenden Glaubenskrieg um das Wiederansiedlungsprojekt "Life Ursus" und die Bärenpopulation im Trentino geführt. Auf der einen Seite stehen Fugatti und die meisten Bürgermeister, die um die Zukunft des Tourismus bangen und von den rund 120 im Trentino lebenden Bären mindestens die Hälfte eliminieren bzw. in andere Gegenden verfrachten wollen. "Wir hatten in acht Jahren acht Angriffe von Bären gegen Menschen. Sie können nicht alle hierbleiben", betont Fugatti.

Auf der anderen Seite stehen die Tierschützer, die in ganz Italien gegen die Tötung von Gaia mobil gemacht haben. Auch die Eltern des getöteten Joggers sprachen sich für eine "Begnadigung" der Bärin aus: Ihr Tod würde ihnen ihren Sohn auch nicht wieder zurückbringen, betonte die Mutter. Der Vater wiederum drehte den Spieß um: Er warf den Provinzbehörden vor, dass sie es jahrelang versäumt hätten, das Zusammenleben von Bär und Mensch zu regeln, sicherer zu gestalten und der Bevölkerung zu erklären, wie man sich im Falle einer Begegnung mit einem Bär zu verhalten habe. "Sie machen es sich zu einfach, wenn sie glauben, dass die Sache mit der Tötung der Bärin erledigt ist."

Gaia ist die Schwester des 2006 erschossenen Problembärs Bruno in Bayern. Hätte der Staatsrat den Rekurs der Tierschutzorganisationen gegen ihre Tötung abgewiesen, hätte die Bärin umgehend eingeschläfert werden können. Dieses Szenario ist nun definitiv vom Tisch. Mit ihrem Entscheid haben die Richter auch noch einem anderen Problembären das Leben gerettet: MJ5, der sich immer noch in freier Wildbahn und damit sozusagen auf freiem Fuß befindet, hätte nach dem Willen des Provinz-Präsidenten ebenfalls abgeschossen werden sollen. (Dominik Straub aus Rom, 14.7.2023)