Die "königliche Weisheit" habe triumphiert, konnten die marokkanischen Medien zu Wochenbeginn verkünden: Da wurde bekanntgegeben, dass Israel den Anspruch Marokkos auf die Westsahara anerkennt – beziehungsweise auf jenen Teil, den Marokko kontrolliert und als sein Territorium ansieht. Auf diese Nachricht folgte ein "warmer" persönlicher Brief von König Mohammed VI. an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit einer Einladung nach Marokko. Der Besuch soll in naher Zukunft stattfinden.

Die marokkanische Fußballnationalmannschaft feiert ihren Sieg gegen Spanien bei der WM in Katar mit einer palästinensischer Fahne.
Fußball-WM in Katar: Die Marokkaner feiern ihren Sieg gegen Spanien mit palästinensischer Flagge. Politisch ist Israel nun der neue Freund.
AP / Abbie Parr

Klingt einfach, ist es aber ganz und gar nicht. Zuletzt waren die Beziehungen der beiden Staaten angeknackst: Marokko war 2020 auf Vermittlung von US-Präsident Donald Trump den "Abraham-Abkommen" beigetreten – Normalisierungserklärungen mit Israel, unterschrieben auch von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), von Bahrain und – im Sand verlaufen – vom Sudan. Die Anerkennung seiner Souveränität in der Westsahara, die Marokko erhofft hatte, ließ jedoch auf sich warten. Aber die Palästinenserpolitik der neuen rechtsreligiösen Regierung in Jerusalem machte es Rabat leicht, Israel die Zähne zu zeigen. Nach der israelischen Militäroperation in Jenin fiel die Reaktion heftig aus, Marokko rief sogar die internationale Gemeinschaft zum Einschreiten auf.

Besonders hart traf Netanjahu, dass Marokko den sogenannten Negev-Gipfel wieder und wieder verschob. Das Negev-Forum wurde als Format von der letzten israelischen Regierung geschaffen. Zum ersten Spitzentreffen in Sde Broker im Negev kamen im März 2022 die USA, VAE, Bahrain, Marokko und Ägypten (wobei Jordanien, das ebenfalls einen Friedensvertrag mit Israel hat, fehlte). Den nächsten Gipfel sollte Marokko organisieren, verschob ihn aber zuerst von März auf Juni und dann auf unbestimmte Zeit. Nun ist wieder alles möglich.

Aushängeschild Negev-Forum

Das Negev-Forum ist ein Symbol für die voranschreitende Normalisierung des Verhältnisses Israels zur arabischen Welt, ein Pfeiler der Politik Netanjahus auch schon früher, losgelöst von der Palästinenserproblematik. Für Marokko wiederum ist die Westsahara das wichtigste nationale Thema quer durch alle politische Lager. Unter der Oberfläche wird es allerdings immer Kritik an der Entsolidarisierung mit den Palästinensern geben, besonders unter islamistischen Kräften. Der marokkanische König ist Vorsitzender des Jerusalem-Komitees innerhalb der Organisation für Islamische Kooperation.

Das Gebiet der Westsahara stand bis 1975 unter Kontrolle Spaniens, nach dessen Abzug besetzte Marokko den Westteil. Er wird jedoch auch von der Frente Polisario beansprucht, die 1976 die Arabische Demokratische Republik Sahara (DARS) ausrief. Die Polisario wird von Algerien unterstützt. Ein Krieg wurde 1991 durch einen von der Uno vermittelten Waffenstillstand beendet. Die damalige Einigung sah ein Referendum vor, das aber nie stattfand. Einen Konsens der beiden Seiten darüber, wer mitstimmen darf, wird es nie geben. Kämpfe flammten zuletzt vermehrt wieder auf.

Sogar Staaten, die früher die DARS anerkannt hatten, akzeptieren heute einen von Marokko vorgelegten Autonomieplan ohne Referendum und damit die marokkanische Souveränität über das Gebiet. Dazu gehört seit 2022 etwa auch Spanien unter der sozialdemokratischen Regierung von Pedro Sánchez – im Tausch gegen marokkanische Schritte gegen die Migration aus Afrika nach Spanien.

Handelsbeziehung boomt

Transaktional mag auch der neue Schritt in der israelisch-marokkanischen Diplomatie sein: Beide Seiten bekommen etwas. Die Beziehungen selbst sind es nicht, sie waren hinter den Kulissen stets besser als offiziell. Seit dem Abschluss der Abraham-Abkommen hat sich auch der bilaterale Handel rasant entwickelt. Etwa acht Prozent der israelischen Bevölkerung haben Wurzeln in Marokko, hunderttausende Israelis haben bereits Marokko besucht. Demonstrationen gegen Israel haben viel weniger Zulauf als früher.

Für Marokko mag es auch deshalb besonders dringlich sein, seine diplomatischen Erfolge der letzten Zeit abzusichern, weil Algerien ab 2024 einen Sitz im Uno-Sicherheitsrat einnimmt. Damit hätten die algerischen Verbündeten der Polisario ein Podium, um an die gemäß internationalem Recht ungeklärte Situation in der Westsahara zu erinnern.

Von der Entscheidung Israels mag sich Marokko auch erhoffen, dass die US-Regierung von Joe Biden die von Trump gegebene Zusage erfüllt, ein Konsulat in Dakhla in der Westsahara zu öffnen. Auch Israel soll seine Bereitschaft angedeutet haben. Mittlerweile haben gut zwei Dutzend Staaten diplomatische Vertretungen in der Westsahara. (Gudrun Harrer, 20.7.2023)