Birgit Baumann aus Kleinmachnow

Da steht sie. Man muss nur genau schauen. Im grünen Gebüsch raschelt es, dann ist helles Fell zu sehen. Doch falsch, es ist nicht die Löwin, nach der seit einem Tag und einer Nacht hunderte Einsatzkräfte suchen. Am Wegesrand in Kleinmachnow steht ein Golden Retriever. "Das ist nur Joker", lacht sein Frauli Lisa, "der musste heute echt einmal raus."

Ein Gemeindejäger läuft in der Gegend um Kleinmachnow durch einen Wald.
Ein Gemeindejäger läuft in der Gegend um Kleinmachnow durch einen Wald.
dpa/Fabian Sommer

Tags zuvor hat sich die 66-Jährige noch an die Anweisungen der Polizei gehalten und ihr Haus nicht verlassen. Aber: "Joker war irritiert, weil seine Morgen- und seine Abendrunde ausgefallen ist." Also ist Lisa am Freitag doch losgezogen, wenn auch mit veränderter Route: "Normalerweise gehe ich in den Wald und dann zum Machnower See. Aber heute bin ich lieber im Ort geblieben." Nachsatz: "Man weiß ja nie."

Genau das ist am Freitag noch die vorherrschende Lage in der 20.000-Einwohner-Gemeinde im Süden von Berlin. Man weiß nicht, wo die Löwin ist. "Es kann nicht tagelang so weitergehen", sagt der Kleinmachnower Bürgermeister Michael Grubert (SPD). Blöd nur: Man kann – und will – auch nicht einfach aufhören, nach der Löwin zu suchen.

Video: Raubkatze offenbar weiter im Berliner Süden unterwegs.
AFP

Das tut die Polizei seit Freitagmorgen mit "frischen Kräften". In der Nacht hatte es kurz so ausgesehen, als sei man nah dran. Aber dann war im waldreichen Berliner Süden wieder keine Löwin im Netz beziehungsweise vor dem Betäubungsgewehr. Löwengebrüll war auch zu hören gewesen, ganz deutlich. Doch da hatte sich nur jemand einen Scherz erlaubt, wie die Polizei nicht besonders amused mitteilte.

Es raschelt im Unterholz

Lisa jedenfalls scannte beim Morgengang mit Joker das Unterholz schon mit den Augen ab. Darin ist sie geübt: "Wir haben ja hier so viele Wildschweine, da schaut man automatisch, was aus dem Busch springen könnte."

Derlei Vorsicht lässt Pensionist Günther nicht walten. Er ist am Vormittag am Marktplatz unterwegs, um seine Geschäfte zu erledigen. Bank, Bäckerei, Schreibwarenladen, Discounter – es ist alles da in Kleinmachnow. Viele reizt hier die Ruhe und die Nähe zu Berlin. Bundesweit bekannt wurde die Gemeinde, als sich vor einigen Jahren der Sänger Bushido dort eine Villa kaufte.

Trotz der Suche nach einem gefährlichen Wildtier gehen in Kleinmachnow Frauen mit ihren Hunden Gassi.
Trotz der Suche nach einem gefährlichen Wildtier gehen in Kleinmachnow Frauen mit ihren Hunden Gassi.
dpa/Fabian Sommer

Günther hat keine Villa, auch keinen Hund, aber auch keine Angst. "Ärgerlich" sei das mit der Löwin, sagt er. Ihm sei keine Zeitung zugestellt worden, weil der Austräger nicht auf die Straße durfte. Aber sonst? Er zuckt mit den Schultern. "Ich verteidige mich notfalls mit meinem Regenschirm", meint er und grinst. Außerdem setzte er auf sein hohes Alter: "Ich bin 85 und vollgepumpt mit Medikamenten. Das schmeckt doch keinem Löwen. Der fällt tot um."

"Das muss ein Löwe sein"

Hinter ihm huscht Paula schnell in den Postladen. Normalerweise fährt sie mit dem Fahrrad, aber nicht an diesem Tag. "Mein Mann hat gesagt, ich soll doch lieber das Auto nehmen", berichtet sie. Irgendwann müsse man das Tier doch erwischen, hofft sie. Ganz genau hat sie sich das mittlerweile berühmte Video angesehen – und das mehrfach. Aufgenommen hat es ein junger Mann, der eigentlich Wildschweine filmen wollte. Laut Polizei ist es echt.

Zu dieser Erkenntnis kommt auch Lisa: "Das muss eine Löwin sein." Ihre Tochter, sagt sie, habe allerdings Zweifel: "Die sagt, das könnte auch was anderes Großes sein." Aber was? Darüber möchte Lisa eigentlich gar nicht nachdenken. Zweifel haben auch Berufene. So staunt Berlins Wildtierexperte, dass so viele eine Löwin auf den Video erkannt haben wollen. Er könne nur zwei Wildschweine erkennen, die wegliefen, sagt er. Und: "Grundsätzlich kann ein Löwe nicht einfach weg sein, auch eine Löwin nicht. Sie hinterlässt Spuren." Aber solche hat noch niemand gefunden.

Auch Achim Gruber, Veterinärmediziner an der Freien Universität Berlin, ist von der Existenz der Löwin nicht ganz überzeugt: "Ich halte es für möglich, aber der letzte Beweis steht für mich noch aus." Die Handyaufnahmen seien unscharf, und durch das Licht könnten Täuschungen entstehen.

Und so sieht es am Freitagmittag noch nach einer längeren Suche aus. Gelegentlich hört man in Kleinmachnow Polizeisirenen aus der Ferne. Die Warnungen – nicht im Wald spazieren gehen – bleiben aufrecht. Im Marktcafé haben es drei Handwerker derweil recht lustig. Als ihre Pause zu Ende ist, ruft einer laut: "Kommt, Jungs, zieht euer Löwenkostüm an, wir gehen wieder in den Wald." (Birgit Baumann aus Kleinmachnow, 21.7.2023)