Wenn es um Lösungen der Klimaprobleme und um die Energiewende geht, hört man oft Sätze wie: "Wir brauchen Innovationen und Technologien statt ideologiegetriebener Einschränkungen und Verbote." Das mag positiv klingen, denn niemand lässt sich gern etwas verbieten. Der Slogan ist aber Ausdruck einer Begriffsverwirrung. Deshalb erscheint Klarheit angebracht.

Eine "Technologie" besteht aus zwei Komponenten: einer Hardwarekomponente, das ist ein materielles, physisches Objekt, und Softwarekomponenten, die Informationen, Regulierungen und Instruktionen darüber enthalten, wie das materielle Objekt benutzt werden soll, darf oder muss. Dieser zweite, der Softwareteil, wird oft übersehen oder ignoriert, er ist aber entscheidend für jede Technologie.

Auf dem Markt

Eine "Invention", also die Erfindung eines Produktes oder eines neuen Prozesses, wird erst dann zur "Innovation", wenn sie auf dem Markt eingeführt wird. Die Verbreitung einer Innovation in einer größeren Gruppe, einem Staat oder auch weltweit nennt man Diffusion. Eine Invention ohne nachfolgende Diffusion war beispielsweise die Erfindung der Dampfmaschine durch Heron von Alexandria im 1. Jhdt. nach Christi Geburt. Die Diffusion scheiterte, weil die Rahmenbedingungen im Römischen Reich nicht stimmten; unter anderem war wohl die Sklavenarbeit zu "kostengünstig". Die Maschine von Heron wurde in der Folge vergessen. Die Dampfmaschine wurde ein zweites Mal von Denis Papin 1690 erfunden, von Thomas Savery 1699 und von Thomas Newcomen 1712 verbessert.

James Watt, dessen Namen man mit der Dampfmaschine verbindet, verbesserte das Modell von Newcomen weiter und machte es dadurch ökonomisch interessant, die Dampfmaschine auch anders einzusetzen als zum Wasserpumpen aus Kohlebergwerken, nämlich zum Antrieb von Schiffen und Eisenbahnen. Ihre Verbreitung – also die eigentliche Diffusion – erfolgte aufgrund der hohen Rechtssicherheit in Großbritannien über ein Contracting-System. Das heißt, es war verboten, die Watt’sche Dampfmaschine ohne Lizenz nachzubauen, und das Verbot wurde auch rechtlich durchgesetzt. Watt verkaufte seine Maschinen auch nicht, sondern überließ sie seinen Kunden für ein Drittel des Wertes der durch sie eingesparten Kohle. Der Rest Europas setzte diese Rahmenbedingungen erst verzögert. Unter anderem deshalb wurde Großbritannien zum Pionier der industriellen Revolution.

Eine Erfindung oder Invention ist noch keine Innovation, und sie ist noch lange keine Technologie, die sich in einer Gesellschaft durchsetzt und verbreitet. Damit eine Erfindung als Technologie eine Rolle auf einem Markt spielen kann, braucht sie unterstützende Rahmenbedingungen, und dazu gehören auch Regulierungen und Verbote.

Fantasie anregen

Ohne Regulierungen und Verbote hätte weder die Papierindustrie in den 1980er-Jahren aufgehört, die Flüsse zu verdrecken, noch die Atomindustrie, ihre Abfälle ins Meer zu verklappen. Es gäbe keine Katalysatoren für Autos, keine Entstaubung und Entstickung der Industrieabgase und weiterhin ozonschichtzerstörende FCKW in Spraydosen und verbleites Benzin.

Regulierungen und Verbote haben die Fantasie und den Innovationsgeist von Unternehmen und von natur- und ingenieurwissenschaftlichen Pionierinnen angeregt, denn sie ließen einen Markt für neue Produkte und Prozesse erwarten und entstehen. Mit diesen wurden nicht nur die beschriebenen Umweltprobleme zu einem guten Teil bewältigt, in der Folge konnten die Technologien aus jenen Ländern, die mit Regulierungen und Verboten vorangegangen waren – das war damals auch Österreich –, auch weltweit verkauft werden.

Historische Lokomotive
Die Dampfmaschine: Damit eine Erfindung als Technologie eine Rolle auf einem Markt spielen kann, braucht sie unterstützende Rahmenbedingungen, und dazu gehören auch Regulierungen und Verbote.
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Auch die deutsche Energiewende wäre ohne regulierende Rahmenbedingungen wie die verpflichtenden Einspeisetarife für Wind, Photovoltaik und Kleinwasserkraft nicht möglich gewesen: Energieversorgungsunternehmen wurden gesetzlich verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Quellen abzunehmen und zu vergüten. Ohne diese "Zwangsmaßnahmen" (gegen die sie sich natürlich zu wehren versuchten) hätten sich Windenergie und Photovoltaik nie so weit verbilligt, dass sie heute die Energiewende weltweit möglich machen.

Die Geschichte der Innovationen – nicht nur im Umwelt- und Energiebereich – ist eine Geschichte von Erfindungen, die oft durch Regulierungen, Zwangsmaßnahmen und Gesetze inspiriert wurden und in der Folge einen Markt finden konnten. Der Traum, dass Innovationen und Technologien ohne politische Unterstützung und ohne aktive Gestaltung der Rahmenbedingungen unsere Probleme wie von selbst lösen würden, erfüllt sich nur in Utopien. Diese erzählen ihre gelungene Realisierung vom Ende her, ohne sich um die mühsame Arbeit der Umsetzung und der Diffusion zu kümmern. In solchen Erzählungen, der Utopiefalle, fühlt sich jede gestaltungs- und regulierungsfeindliche Politik, die vor ihrer eigentlichen Arbeit zurückschreckt, geborgen.

Brennende Probleme

Für die Lösung der im Umwelt- und Energiebereich anstehenden brennenden Probleme benötigen wir dringend politische Gestaltungskompetenz und Gestaltungswillen. Slogans wie "Technologie und Innovation statt Regulierungen und Verbote" sind realitätsfern, innovationsfeindlich, geschichtsignorant und zukunftsblind. Mit ihnen versucht sich eine Politik vor ihrer eigentlichen Aufgabe zu drücken. (Johannes Schmidl, 24.7.2023)