Constantina Bordin Art Carnuntum
Constantina Bordin will bei Art Carnuntum Kunst und Wissenschaft einander näherrücken.
Barbara Pálffy

"Ich bin grundsätzlich in einer Expansionsphase", sagt Constantina Bordin und lacht. Mit 27 Jahren ist die gebürtige Wienerin die jüngste Festivalintendantin Europas, hat aber in der internationalen Welttheatercommunity durch ihren 2021 verstorbenen Vater und Festivalgründer Piero Bordin längst einen anerkannten Namen. Nach seinem Tod hat sie 25-jährig die Leitung von Art Carnuntum angetreten und verantwortet nach einer Babypause heuer ihr erstes großes Programm.

Fünf internationale Gastspiele sind ab 18. August im Amphitheater von Petronell zu sehen. Darunter auch Shakespeares bis heute bestehende Theatertruppe The Lord Chamberlain’s Men mit Romeo und Julia, selbstverständlich in rein männlicher Besetzung. Den Auftakt macht der griechische Regisseur Savvas Stroumpos mit zwei Arbeiten seiner Gruppe Point Zero, Antigone und Die Perser.

Art Carnuntum
Zu Gast im Amphitheater von Carnuntum: "Die Perser" der griechischen Theatergruppe Point Zero.
Art Carnuntum

Constantina Bordin hat einen steilen Weg vor sich, denn die Herausforderungen eines Festivals für klassische Theaterkunst und das philosophische Kulturerbe Europas haben es heute in sich. Fördergelder sind knapp, Sponsoren wären gefragt, die Pandemie hat das Publikumsverhalten verändert. Und die Vertreter der nächsten Generation jener Stars, die dem Ort in den vergangenen Jahrzehnten Glanz verliehen haben, sind rar gesät. Zu ihnen gehörten Theatergrößen wie Tadashi Suzuki oder Robert Wilson und auch "die ganzen Peters", wie Bordin sagt, namentlich Peter Brook, Sir Peter Hall und Peter Sellars.

Theater des Anthropozän

Bordin möchte auf dem aufbauen, was da ist, es aber "nicht in die Vitrine stellen", sagt sie im STANDARD-Gespräch. Die studierte Philosophin, Byzantinistin und Neogräzistin setzt in ihrem Programm ästhetische und gesellschaftspolitische Anliegen zwingend in eins. Theater begreift sie wesentlich als Erkenntnis- und Empfindungsmedium, in dem "Dinge, die wir erleben oder wissen, auf eine andere Ebene gehoben werden. Denn vieles, was wir wissen, wird nicht gefühlt."

Deshalb hat Bordin auch erstmals das 2020 in Berlin gegründete und situierte Theater des Anthropozän mit an Bord geholt und zeigt Fritz M. Raddatz’ im letzten Herbst uraufgeführtes Stück Anwälte der Natur, das sich mitrechtlichen Grundlagen des Naturschutzes befasst. Natur ist das Thema unserer Jahre und spielt nicht zuletzt bei historischen Aufführungspraxen – Open Air! – eine entscheidende Rolle. Auch das Amphitheater von Petronell-Carnuntum liegt inmitten einer geschützten Landschaft nahe den Donauauen.

Die ersten vier Jahrhunderte nach Christus wuchs Carnuntum zu einer Großstadt am nördlichen Limes des Römischen Reichs. Hier fand 308 die große Kaiserkonferenz statt, hier hat Marc Aurel seine weltberühmten Selbstbetrachtungen verfasst. Aus dieser Geschichte speist sich die Region und damit auch das Festival bis heute. Den Genius Loci weiterzutragen ist seine Aufgabe.

Als Kind hat Bordin das Amphitheater als Actionspielplatz genossen und ging neben den damals wackeligen Mauern auf den Sandhaufen der Archäologen in erster Line mit Schaufel und Kübelchen zu Werke. Die Aura des geschichtsträchtigen Ortes aber überstrahlt heute für sie alles.

Kunst und Wissenschaft

Bordins langfristiges Ziel ist es, die Region um Carnuntum noch stärker als Stätte des Welttheaters zu verorten. International ist Art Carnuntum als Antikenzentrum längst anerkannt und fest mit dem Namen Bordin verknüpft. Weltweit ist Art Carnuntum für Vertreterinnen und Vertreter traditioneller Theaterformen wie etwa die Peking Oper oder das Theater im indischen Kerala ein fester Begriff. "Ah, die Constantina!" heißt es dann. Beim La-Mama-Theater ist die 27-Jährige neuerdings Cultural Ambassador, und sie besetzt im internationalen Konferenznetzwerk der New Yorker Avantgardegruppe die Position der Antikenexpertin.

Diese wissenschaftliche Dimension möchte Bordin insgesamt weiter ausbauen. Künstlerische Auseinandersetzung und wissenschaftliche Ausarbeitung werden in aufklärerischer Absicht künftig noch stärker als früher Hand in Hand gehen. Eine Gesprächsreihe trägt dieser Entwicklung Rechnung. ORF-Reporter Christian Wehrschütz wird im Gespräch mit Philosophen heuer sowohl das Thema des Krieges (Die Perser) wie auch der Selbstverantwortung (Antigone) vertiefen. Jürgen Kaizik hat in einem witzigen Stück ein Doppelporträt des philosophischen Außenseiters Heraklit ausgearbeitet.

Als junge Festivalintendantin sticht Constantina Bordin im Kreis arrivierter Welttheaterfachleute heraus. "Die dachten in Delphi, ich hab mich für einen Studentenkurs angemeldet", sagt sie amüsiert und erzählt, wie man sie zum Hintereingang bugsieren wollte, während sie Ehrengast und Sprecherin am Panel war. Von einer jungen Mutter mit Baby im Tragekorb lässt sich die Konferenzwelt eben noch irritieren. Bordin grundsätzlich eher nicht. Enthusiastisch und zielstrebig hält sie die Art-Carnuntum-Zügel in der Hand. (Margarete Affenzeller, 2.8.2023)