Kleines Gedankenexperiment zur neuen Trennlinie, die ÖVP-Granden durch das Land gezogen haben: normal denkende Menschen und die anderen. Man stelle sich also vor, Unternehmen würden ab jetzt in ihre Stelleninserate schreiben: "Wir suchen Normaldenkende", etwa um Anpassungsfähigkeit und leichte Führbarkeit festzustellen – oder eben anders: "Wir suchen alle nicht Normaldenkenden", etwa um Risikofreude und Innovationsgeist aus der Kandidatenschaft zu filtern.

Tatsächlich ist es bis jetzt so, dass Unternehmen vorangegangen sind im Ringen um das Anerkennen von Vielfalt, um die Inklusion. Grundlage war bis jetzt immer, das Andere nicht zu bewerten, schon gar nicht abzuwerten, sondern als Bereicherung zu respektieren und in seinen Bedürfnissen zu unterstützen, zu fördern. Selbst wenn es sich um ökonomische Verzweckung handelte.

Ein Gesicht in Nahaufnahme, Lider und Augen zum Regenbogen geschminkt
Die Pride-Parade mit dem Regenbogensymbol.
Imago/Ethan Cairns

(M/w/d) im Jobinserat

Dieser Weg war ein langer: hin zu eigenen Diversitätsmanagern, zu Antidiskriminierungsbeauftragten. Die Wirtschaft ist da nicht gleich weit vorangeschritten, aber ohne ging es (auch dank des Schubs aus der EU) bis jetzt nicht mehr, nicht ohne klare Richtlinien, nicht ohne Budget, nicht ohne zumindest festgeschriebene Visionen, wenn schon nicht konkrete Ziele oder gar Kennzahlen für die Bonuszahlungen von Führungskräften. Und es ist noch nicht so lange her, als in Jobinserate nicht überwiegend "(m/w/d)" stand. Länger schon springen Unternehmen dort ein, wo der Staat es nicht zusammenbringt, etwa in der Kinderbetreuung, mit Angeboten für Pflegeauszeiten.

Wird Diversität wieder ein Randbereich?

Jetzt kommt die Zeit der Budgetplanung. Es herrscht Stagnation, der Arbeitsmarkt trübt sich fortlaufend ein. Wo kann der Rotstift streichen, wo kann jetzt mit guten Argumenten gekürzt werden? Hoffentlich hat der Bundeskanzler mit seiner Normalitätsansage da nicht einen Quasi-Persilschein ausgestellt. (Karin Bauer, 8.8.2023)