"Statt 'Ghosting' hat man früher einfach 'Oaschloch' gesagt" ist eine der Erkenntnisse, die Nina Hartmann hat. In "Fairy Fails" schlüpft sie in verschiedene Rollen, um den Dynamiken hinter neuzeitlichen Beziehungskonstruktionen auf den Grund zu gehen. Die ersten vier Folgen der Joyn-Serie behandeln die klassischen Sonnen- und Schattenseiten des Liebeslebens: allein sein, Onlinedating, Penisbilder und wie man eine Beziehung dann doch ohne Ablaufdatum führt, sollte wirklich einmal jemand die eigenen Ansprüche erfüllen. Inspiriert ist die treue Tirolerin nicht nur von Freundinnen – sondern auch von eigenen, nicht immer ganz positiven, Erfahrungen.

Nina Hartmann liegt in ihrem Bett.
Nina Hartmann in ihrer neuen Sendung "Fairy Fails".
Joyn

STANDARD: Frau Hartmann, wann haben Sie Ihr erstes Dickpic bekommen?

Hartmann: Das ist etwa drei Jahre her, im Lockdown war das ein großes Thema. Mein erstes Dickpic war eigentlich das einer Freundin, die es mir gezeigt hat. Ich wollte das unbedingt thematisieren, weil es unglaublich ist, was in diesen Männern vorgeht.

STANDARD: Und Ihr letztes?

Hartmann: Jetzt habe ich schon länger keines bekommen, weil ich Nachrichten von Fremden – vor allem wenn ein Foto dabei ist – gar nicht mehr öffne. Mittlerweile habe ich dazugelernt.

STANDARD: Wie groß ist die Würstelsammlung mittlerweile?

Hartmann: Mein aktueller Würstelstand ist bei ungefähr zehn bis 20 Bildern. Die Fotos könnten schöner sein, aber es geht dabei scheinbar weniger um Ästhetik und mehr um die Schockwirkung.

STANDARD: Zum Thema Onlinedating haben Sie bereits das Theaterstück "Match Me If You Can" und einen darauf basierenden Film gemacht. Woher diese Faszination?

Hartmann: Bei mir schwankt das zwischen Faszination und Abneigung. Ich finde, es ist ein Zeichen unserer Zeit. Prinzipiell ist diese neue Möglichkeit, Leute kennenzulernen, nichts Schlechtes. Aber es passiert auch viel Schräges und Skurriles, darauf konzentriere ich mich als Kabarettistin.

Nina Hartmann verkleidet als Mann.
In der Sendung schlüpft die Kabarettistin in verschiedene Rollen.
Joyn

STANDARD: Das basiert durchaus auf eigenen Erfahrungen?

Hartmann: Mittlerweile bin ich ja gesperrt auf Tinder, weil ich zwar mit Fotos von mir, aber unter falschem Namen, angemeldet war. Ich und Typen, die Dickpics schicken, werden auf Tinder gesperrt. Für mich war das irre, mit Fremden zu schreiben, wo man überhaupt nicht weiß, wer das ist. Dann trifft man sich und wird meistens enttäuscht, weil die Erwartungen, die man in seiner Vorstellung hat, nicht erfüllt werden können. Leute lügen dort sehr viel, machen sich größer und kleiner oder nehmen zehn Jahre alte Fotos. Für mich war das interessant, wie sich der Mensch in so einem Konstrukt verhält.

STANDARD: Wie war dann das erste Treffen?

Hartmann: Der Typ hatte gesagt, dass er 1,84 Meter groß ist, aber als wir uns getroffen haben, ist er mir nur bis zur Schulter gegangen. Er war dann total schockiert, dass ich so groß bin, und ich habe ihn beruhigt und gesagt, er soll erst einmal ein Bier trinken. Manche habe ich auch gar nicht erkannt, dann ist man beim Treffpunkt und schaut suchend herum, wer das jetzt sein könnte. Ich habe durch Onlinedating meine Intuition verloren, weil ich diese Leute im echten Leben wahrscheinlich gar nicht angesprochen hätte.

STANDARD: Wie hat sich Ihr Liebesleben dadurch verändert?

Hartmann: Früher ist man auch manchmal angesprochen worden. Dass man als Frau gentlemanlike umgarnt wird, ist verloren gegangen. Jemanden einfach durch Blickkontakt kennenzulernen passiert gar nicht mehr, weil alle nur mehr ins Handy schauen.

STANDARD: Ist das nicht gruselig, wenn man von einem fremden Mann unter einem Vorwand angesprochen wird?

Hartmann: Es hängt davon ab, wie – und wer es ist. Wenn es der richtige ist, findet man alles toll, was jemand sagt. Wenn es auf respektvolle Weise passiert, freue ich mich schon darüber. Auch bei Männern, die mich nicht interessieren, sage ich dann, dass ich ihren Mut bewundere. Frauen finden das meistens schon sehr nett, wenn man sie stillvoll – nicht plump – umgarnt.

STANDARD: Was halten Sie von "Pick-up-Artists" – Männern, die mit Strategien Frauen gezielt manipulieren, um bessere Chancen bei der sexuellen Verführung zu haben?

Hartmann: Echt? Ist das so wie "Hitch – der Date Doktor"?

STANDARD: Kennen Sie Andrew Tate?

Hartmann: Hm ...

STANDARD: Ein ehemaliger Kickboxer, der in Rumänien wegen Vergewaltigung und Menschenhandels angeklagt ist.

Hartmann: Oh Gott.

STANDARD: Der eine eigene "Online-Universität" aufgebaut hat, wo Männer lernen können, wie sie zu Geld, Reichtum und unterwürfigen Frauen kommen.

Hartmann: Wahnsinn, nein. Das ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Wir haben "Fairy Fails" gerade weitergedreht, und in einer Folge geht es eigentlich genau darum, was Frauen wollen.

STANDARD: Kann man das überhaupt allgemein sagen?

Hartmann: Nein. In der Folge wollte ich zeigen, dass wir wissen, was wir wollen, aber eigentlich zeige ich, dass wir es überhaupt nicht wissen. Menschen sind vielschichtiger als das und denken in vielen Widersprüchen.

Nina Hartmann vor einem Fotoautomaten, in dem eine nackte Person steht. 
Die ersten vier Folgen sind ab Freitag auf Joyn verfügbar.
Joyn

STANDARD: Wie ist das als Frau in der Humorbranche?

Hartmann: Als ich 2010 mit Kabarett angefangen habe, waren wir nicht viele Frauen. Da hat man sich dafür rechtfertigen müssen, ob man als Frau eh lustig sein kann. Mittlerweile hat sich das schon gebessert, ist aber auch noch nicht da, wo es sein sollte. Im Fernsehen bei irgendwelchen Kabarettgipfeln sind es meistens fünf Männer und eine Frau. Zwei Frauen in einer Show sind selten. Aber langsam fällt das auf. Oft kommt das Argument, dass Männer besser funktionieren, weil sie schon bekannter sind. Aber es sind auch oft Männer mit veralteter Denkweise in den Positionen, die darüber entscheiden, wer bekannt wird.

STANDARD: Was macht man, wenn man eigentlich traurig ist, aber auf der Bühne trotzdem lustig sein muss?

Hartmann: Vor dem Auftritt ist das oft schwierig. Aber es ist erstaunlich, wie gut man auf der Bühne trotzdem funktioniert. Man kann seine Probleme gut in der Garderobe lassen, dadurch verschwinden die Sorgen zwar nicht, aber manchmal hilft es, sich mit etwas anderem beschäftigen zu können. Wenn ich die Leute lachen sehe, bringt mir das selbst auch Freude.

STANDARD: Ihre Tiroler Herkunft wird auch immer wieder thematisiert. Wie war eigentlich das Aufwachsen als lustige Frau in einem so katholischen, konservativen Bundesland?

Hartmann: Ich wollte immer weg aus Tirol. Als Kind hinterfragt man nicht so viel, aber in der Pubertät ist es mir schon zu eng geworden, vor allem wenn man nicht den normalen Weg geht: "ein sicherer Job" oder "eine gute Hausfrau werden". Gegen diese Werte habe ich mich schon als Jugendliche sehr gewehrt, vielleicht weil man mir auch ausreden wollte, Schauspielerin zu werden.

STANDARD: Ihr aktuelles Programm heißt "Endlich Hausfrau".

Hartmann: Die größte Sorge von meiner Mutter ist wirklich, ob aus mir noch einmal eine gute Hausfrau wird. Das beschäftigt sie am meisten, egal ob ich eine Premiere habe oder einen neuen Kinofilm. Sie ist eine sehr gebildete, moderne Frau. Aber dass man als Frau die Hausarbeit machen muss, ist in ihr drinnen.

STANDARD: Sie bezeichnen sich oft als lustigste Tirolerin seit Hansi Hinterseer. Welche Rolle spielt er in Ihrem Leben?

Hartmann: Der Hansi Hinterseer gehört natürlich zur Marke Tirol dazu, aber sonst habe ich nicht so viel zu tun mit ihm. In Kitzbühel hat man aber, glaube ich, große Chancen, dass man ihn trifft, er gehört da quasi zur Ausstattung.

STANDARD: Ist er überhaupt lustig?

Hartmann: Das weiß ich gar nicht, aber er war einmal ein guter Skifahrer. Ich glaube, er fährt besser Ski, als er singen kann. (Jakob Thaller, 11.8.2023)