Kay Voges
Volkstheaterdirektor Kay Voges am Beginn dieser Woche bei seiner Vorstellung als Intendant am Kölner Schauspiel ab 2025/26.
IMAGO/Christoph Hardt

Eine Neuausschreibung ist so ziemlich das Letzte, was das Volkstheater derzeit braucht. Und doch lässt Kay Voges nach nur einer Amtsperiode das Haus ab 2025 schon wieder hinter sich, um an die Spitze des Schauspiels in Köln zu wechseln. Darüber hat die Süddeutsche Zeitung vor einer Woche als erstes berichtet. Im Verlauf des Herbstes wird der Vorstand der Volkstheater-Privatstiftung die Stelle der Intendanz neu ausschreiben.

Kein günstiger Zeitpunkt, befindet sich das Haus doch nach Jahren im Jammertal jetzt endlich im Aufwind. Voges hat das Volkstheater ab seinem Amtsantritt 2020 mit beiden Händen in die Höh’ gerissen. Dass für diese Neuaufstellung eine zweite Amtszeit ideal, ja notwendig wäre, liegt auf der Hand. Noch immer ist nicht alles rosig, aber der eingeschlagene Weg vielversprechend und die Neugier auch jener Menschen gestiegen, die in ihrem Leben noch nie ein Theaterabonnement besaßen.

Trotz Corona-Widrigkeiten ist es Voges gelungen, mit einem erstklassigen Ensemble neues und jüngeres Publikum anzusprechen und durch künstlerische Erfolge länderübergreifend Resonanz zu erzeugen. Das Volkstheater prangt nun wieder auf der internationalen Theaterlandkarte. Das war lange nicht der Fall. Neben zahlreichen Preisen und diversen innerhalb der Branche zu vergebenden Toplistenplätzen wurde das Volkstheater im Vorjahr zum ersten Mal seit 1970 (!) wieder zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Mehr Werbung geht gar nicht.

Umsichtige Aasgeier

Der bevorstehende Wechsel an der Spitze ist also zu bedauern, wiewohl Voges’ Entscheidung aus persönlichen Gründen gut nachvollziehbar ist. Das erste Haus in Köln zu leiten ist schlichtweg einfacher und erfolgversprechender als die dritte Bühne Wiens. Zumal das Volkstheater in direkter Konkurrenz zum Tanker Burg- und Akademietheater sowie zum Theater in der Josefstadt immer mit seiner Größe von heute reduzierten 830 Sitzplätzen zu kämpfen hatte.

Über keine Bühne der Stadt wurde je so destruktiv diskutiert. Probleme gab es wahrlich: Es fehlte lange Zeit ein klar erkennbares Profil des Hauses, das sich zwischen der Speerspitze Burgtheater und dem konventionellen Theater in der Josefstadt nicht recht zu positionieren wusste. Der künstlerische Output blieb weitgehend medioker, zugleich ließ aber die Unterdotierung keinerlei Spielraum für riskante Kurswechsel.

Schlechte Auslastung

Insbesondere seiner unzufriedenstellenden Auslastungszahlen wegen stand das Volkstheater seit vielen Jahren regelmäßig in der Kritik. Vor Jahren schon sahen besonders umsichtige Aasgeier dieses zukünftig in einem Schwimmbad oder Supermarkt besser aufgehoben. Dabei ist die Marke Volkstheater ein tragender Pfeiler der Wiener Theatergeschichte und -kultur, die von keiner anderen städtischen Bühne dergestalt eingelöst wird. So verhält es sich auch in einer vergleichbaren Metropole wie München. Der Entscheid der Politik zur Generalsanierung hatte dies auch bekräftigt. Seit 2020 leuchtet der Fellner-&-Helmer-Prachtbau vorzüglich herausgeputzt an der sogenannten Zweierlinie auf dem Arthur-Schnitzler-Platz.

Gemeinsam mit dem kaufmännischen Direktor Cay Urbanek hat Voges das Theater auch finanziell konsolidiert und sich verkrusteter Strukturen entledigt, die zuvor in einem Rechnungshofbericht ruchbar geworden waren. Heute stehe das Volkstheater, so Voges in einem aktuellen Statement gegenüber der Austria Presse Agentur, "trotz Energiekrise und hoher Inflation finanziell absolut gefestigt" da. Bald wird sogar ein schon lange überfälliges neues Probebühnenzentrum seinen Betrieb aufnehmen.

Ein großer Traum

Dass Voges das Handtuch wirft, steht offenkundig mit keinem Fluchtgedanken in Zusammenhang, auch wenn ihn einzelne Wiener Medienberichte der letzten Jahre gewiss in Kofferpacklaune versetzt haben mögen. Seine künftige Wirkungsstätte Köln ist schlichtweg Voges’ Heimatregion. Er kann dort mit einem ähnlichen künstlerischen Programm zufälligerweise ein weiteres Mal ein frisch saniertes Haus übernehmen. Und nicht zuletzt war es "schon immer ein großer Traum" von ihm, das Schauspiel Köln zu leiten, wie er jüngst sagte.

Der Countdown für den Direktionswechsel läuft; es muss jetzt aber nicht gleich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden. Dass auch andere Häuser fähige Intendanten haben wollen, ist verständlich. Dass sie diese am Wiener Volkstheater finden, darf man auch als Anerkennung für dieses Haus werten, das in den letzten drei Jahren so kräftige Lebenszeichen von sich gegeben hat. Der Countdown könnte also auch die Neugier des Publikums weiter reizen. (Margarete Affenzeller, 19.8.2023)