Modelle von Häusern
Hunderttausende Haushalte, die sich ihr Eigenheim durch einen Kredit mit variablen Zinsen finanziert haben, kommen jetzt in Bedrängnis.
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In hunderttausenden Haushalten spielen sich derzeit finanzielle Dramen ab: Sie haben ihr Eigenheim durch einen Kredit mit variablen Zinsen finanziert und müssen jetzt zusehen, wie ihre monatlichen Rückzahlungen explodieren – weitaus schneller als jede Miete. Nun werden nur wenige Familien ihr überschuldetes Heim tatsächlich an die Bank verlieren. Dennoch bringt diese Entwicklung für die meisten Betroffenen stressige Tage, schlaflose Nächte und eine deutliche Einschränkung ihrer übrigen Ausgaben mit sich.

All dies wäre leicht zu verhindern gewesen. In den Jahren der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank hätte man sich mit relativ geringen Aufschlägen auf Jahrzehnte eine günstige Finanzierung sichern können. Dass dies – anders als in anderen EU-Staaten – nicht geschah, ist rückblickend unverständlich. Es ist die Folge eines Systemversagens, für das es mehrere Schuldige gibt.

Da sind einmal die Kreditnehmer selbst, die mit ihrer Entscheidung für variable Zinsen unkontrollierbare Risiken eingegangen sind. Das steht in seltsamem Kontrast zur extremen Vorsicht der Österreicher bei der Geldanlage, etwa gegenüber dem Aktienmarkt.

Eine mögliche Erklärung dafür liefert die Verhaltensökonomie mit dem Endowment-Effekt: Was man hat, will man keinesfalls verlieren. Wenn man aber etwas erst erwirbt, schaut man nur auf den Preis – und kümmert sich nicht um die potenziellen Folgen dieser Schnäppchenjagd.

Beratungspflicht vernachlässigt

Ein guter Bankberater sollte Kundinnen von solchen Dummheiten abhalten. Die Banken aber haben das – darauf deuten auch die Aussagen von Bankenvertretern wie Erste-Chef Willibald Cernko hin – nicht oder nur ungenügend getan. Für sie sind Kredite mit variablen Raten attraktiver, weil sie so das Zinsrisiko auf die Kundschaft abwälzen. Das gilt ganz besonders in einer Phase, in der Zinsen kaum noch fallen können, da sie schon so niedrig sind. Man musste als normaler Kunde schon auf einen Fixzins pochen, um die Bankfiliale nicht mit einem variablen Zinssatz zu verlassen. Wie einst bei den Fremdwährungskrediten haben die Institute ihre Beratungspflicht sträflich vernachlässigt – wenn nicht rechtlich, dann moralisch. Dass sie jetzt dafür bezahlen, ist richtig.

Es gibt einen weiteren Grund für diese Praxis: Der Gesetzgeber deckelt die Kosten für einen Ausstieg aus einem Fixzinskredit bei 1,0 Prozent. Das macht solche Verträge für Banken zu einer Wette, bei der sie bei steigenden Zinsen verlieren und bei fallenden um ihren Gewinn umfallen. Kein Wunder, dass sie ihren Kunden nicht den besten Rat geben. Diese Beschränkung ist ein Beispiel missglückter staatlicher Regulierung: Statt Konsumenten zu schützen, werden sie noch größeren Gefahren ausgesetzt. Die Banken haben recht, wenn sie hier eine Änderung fordern.

Der angerichtete Schaden lässt sich nur schwer wiedergutmachen, aber Banken und Aufseher sollten gemeinsam dafür sorgen, dass fixe Zinsen bei Wohnfinanzierungen zum Standard werden. Das ließe sich etwa durch eine Anpassung der Vorgaben für Immo-Kredite erreichen: Die Vergabekriterien für Kredite mit Fixzinsen könnten, wie von vielen gefordert, gelockert, jene für Kredite mit variablen Zinsen hingegen weiter verschärft werden.

Variable Zinsen sind eine Wette, die Menschen ohne großes Finanzwissen nicht eingehen sollten. Dafür zu sorgen wäre die Aufgabe vernünftiger Politik. (Eric Frey, 28.8.2023)