Thomas Leibnitz' Buch
Thomas Leibnitz' Buch "Verrisse" verbindet Musikgeschichte und legendäre Zitate.
Residenz verlag

Die Worte haben Pjotr Iljitsch Tschaikowski wohl wehgetan. Seinem Ruhm als Komponisten hat es allerdings nachweislich nicht geschadet, vom Kritikerpapst des 19. Jahrhunderts, Eduard Hanslick, ordentlich gewatscht worden zu sein. Ein Werturteil ist besonders berühmt: "Tschaikowskis Violinkonzert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben kann, die man stinken hört", schrieb der Rezensent, der in Thomas Leibnitz’ Buch Verrisse ausgiebig austeilen darf.

Kein Wunder. Schließlich ist Hanslick das Paradebeispiel eines pointiert formulierenden, genauen Beobachters. Eines Beobachters allerdings, der sich aus ideologischen Gründen mit sprachvirtuoser Gemeinheit wertend verirrte. Die Musikgeschichte hat sein Urteil mehrfach widerlegt – etwa zugunsten des Komponisten Anton Bruckner.

Hanslick gehörte dem tendenziell klassizistischen Lager von Johannes Brahms an. Richard Wagner war er in herzlicher Feindschaft verbunden. Für Bruckner, als geradezu unterwürfigen Verehrer des Bayreuthers, konnte es auch deshalb keine Gnade geben, etwa was seine achte Symphonie anbelangt: "Es ist nicht unmöglich, dass diesem traumverwirrten Katzenjammerstyl die Zukunft gehört – eine Zukunft, die wir nicht darum beneiden."

Worte der Opfer

Dieses leichtfüßig geschriebene Buch ist jedoch keine reine Zitatensammlung von Bosheiten, auch über Richard Strauss, Brahms, Arnold Schönberg und Gustav Mahler. Thomas Leibnitz lässt die markante Musikgeschichte des fortgeschrittenen 19. Jahrhunderts aufleuchten.

Und da auch die Komponisten zu Wort kommen, entsteht indirekt gar eine Art Ferndialog zwischen der Kritik und ihren "Opfern", die in einer Epoche der noch regen ästhetischen Debatten lebten. Ein in seiner Eitelkeit gekränkter Friedrich Nietzsche konnte etwa nicht anders, als zu behaupten: "Wagners Kunst ist krank." Da wirkte Hanslick sogar netter, wenn es um den zweiten Akt der Walküre ging. "Szenen wie diese mahnen an die im Mittelalter beliebte Folter, den schlaftrunkenen Gefangenen, sooft er einnickt, mit Nadelstichen wieder aufzuwecken." Viel Vergnügen beim Lesen. (Ljubiša Tošic, 29.8.2023)