Mon Crime / Mein fabelhaftes Verbrechen
Zwei Schauspielerinnen und eine Anwältin ziehen vor Gericht – da schrillen bei manchen Männern die Alarmglocken.
Weltkino Filmverleih

Man kann nicht gerade sagen, dass in Frankreich die MeToo-Gerichtsprozesse toben. Vorwürfe gibt es zwar einige – gegen Gérard Depardieu, Luc Besson oder gegen den jungen Schauspieler Sofiane Bennacer, der erst kürzlich in Valeria Bruni-Tedeschis Les Amandiers spielte – aber zum Prozess kommt es in solchen prominenten Fällen selten. Länger zurückliegende Sexualdelikte lassen sich schwer beweisen, und dann läuft es oft auf die klassische Er-sagt-sie-sagt-Konstellation hinaus, in der im Zweifel für den Angeklagten geurteilt wird.

Das Gericht als Theatersaal

Dieses hochaktuelle Thema schnürt Frankreichs extravagantester Regisseur, François Ozon, in Mein fabelhaftes Verbrechen zu einem Screwball-Gerichts-Setting zusammen. Paris 1935: Alles weist darauf hin, dass die angehende Schauspielerin Madeleine Verdier (Nadia Tereszkiewicz) einen trotteligen Filmproduzenten ermordet hat. Mithilfe ihrer Mitbewohnerin, der Anwältin Pauline (wie Katharine Hepburn: Rebecca Marder) gelingt es ihr, vor Gericht mit ihrer Schauspielkunst zu brillieren. Ihr vermeintliches Verbrechen macht Madeleine berühmt, doch bald nahen die Nachahmungstäterinnen – in dem Fall Isabelle Huppert in der Rolle des ausgedienten Schauspielstars Odette Chaumette, die das Verbrechen auf ihre Kappe nimmt, um Madeleine die Show zu stehlen.

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Das klingt sehr nach einem Seitenhieb auf MeToo, denn die nur gespielte Glaubwürdigkeit der Angeklagten ist von Beginn an gesetzt. Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt Regisseur Ozon seine Idee so: "Ich wollte den Zusammenhang zwischen Theater und Justiz zeigen. Wenn man vor Gericht ist, spielt man eine Rolle. Man muss seine Texte lernen, die Anwälte schwingen Reden, und die Jury ist das Publikum. Am Ende muss sie das Gesehene bewerten wie einen Film oder ein Theaterstück. Ich wollte dieses Spiel mit Wahrheit und Lüge und zeigen, dass beides miteinander verschwimmt."

Mit Manipulation und Witz ans Ziel

"Eine Komödie darüber in einem zeitgenössischen Setting wäre unmöglich", sagt Ozon außerdem. Aber in der tiefpatriarchalen Gesellschaft der 1930er hätten clevere Frauen nur einander und die Manipulation zur Verfügung gehabt, sich ihre Freiheit zu erkämpfen. "Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass in den 1930er-Jahren viele Morde von Frauen begangen wurden. Damals gab es nicht das emanzipatorische Motiv der Befreiung, sondern nur Gier." Dass etwa die bekannte Vatermörderin Violette Nozière von diesem sexuell missbraucht wurde, war damals schlicht nicht relevant.

Die Screwball-Tradition liegt Ozon offensichtlich am Herzen. Besonders die Frauen in Lubitsch-Komödien seien "modern und stark" gewesen. Dagegen wirkt Mein Verbrechen allerdings, trotz der exaltierten Spielfreude, recht altbacken. (Valerie Dirk, 1.9.2023)