Wiener Tafel-Geschäftsführerin Alexandra Gruber
Alexandra Gruber startete als Freiwillige und ist seit zehn Jahren Chefin der Wiener Tafel. Sie hat jetzt einen umfangreichen Change-Prozess eingeleitet.
Wiener Tafel/Thomas Topf

Fast 25 Jahre ist es her, dass Martin Haiderer mit vier Studierenden mit dem eigenen Auto Supermärkte abgeklappert hat, um Lebensmittel einzusammeln und diese an Sozialeinrichtungen zu verteilen. Die Idee kam aus Deutschland und war und ist: Armutsbekämpfung. Es geht also nicht "nur" gegen Lebensmittelverschwendung, sondern darum, Hilfe zur Selbsthilfe anzustoßen und auf der Grundlage von Lebensmittelversorgung zu beraten, neue Lebensplanungen anzuregen und somit beim Entkommen aus der Armutsspirale zu unterstützen.

Die Wiener Tafel wurde als Sozialunternehmen schnell zur Erfolgsgeschichte, Firmen machten im Rahmen ihrer Corporate Social Responsibility als Sponsoren mit, hunderte Freiwillige arbeiteten in der Abholung und beim Sortieren am Wiener Großgrünmarkt.

Rund 9000 Tonnen Lebensmittel hat die Truppe mit aktuell 25 Angestellten und 250 Freiwilligen bis jetzt gerettet und verteilt. Zusammen 3000 Ehrenamtliche haben sich seither engagiert, und allein im Vorjahr wurden in über 100 Sozialeinrichtungen 28.000 Armutsbetroffene in Wien und Niederösterreich versorgt. Dies mit einem Budget von rund zwei Millionen Euro an Spenden von Privaten und Unternehmen plus Förderungen auf Projektbasis.

Mittlerweile hat sich allerdings auch das Feld der Akteure in diesem Bereich, nachdem die Tafel lange über ein Alleinstellungsmerkmal verfügte, verändert. Rund hundert Tafeln sind lokal tätig, teilweise nur in direkter Lebensmittelausgabe, gratis oder mit Unkostenbeitrag, teilweise eingebunden in Netzwerke zur Armutsbekämpfung. Aber auch Kommerzielle (etwa Too Good To Go) sind aufgesprungen und haben ihren Markt gefunden.

Change-Management

Allerdings hat sich nunmehr das gesamte Umfeld der Tätigkeit gewandelt. Die Warenspenden der Handelskonzerne brechen aufgrund von Teuerung, eigener Bedrängnis der Konzerne, aber auch neuem Bewusstsein für den Wert von Essen weg. Damit hat Alexandra Gruber, die Frau, die seit zehn Jahren an der Spitze der Wiener Tafel steht, eine klassische Managementaufgabe der For-Profit-Wirtschaft vor sich: Neuaufstellung der Organisation, Transformation. Die gelernte Pharmazeutin war lange international in Big Pharma tätig, bevor sie in den Non-Profit-Bereich wechselte, und kennt beide Welten.

STANDARD: Was hat Sie vor zehn Jahren zur Wiener Tafel gebracht?

Gruber: Ich war davor schon dabei als Freiwillige, damals war ich noch Vielfliegerin, als internationale Account-Managerin tätig. 2014 habe ich mich als Geschäftsführerin beworben. Ich wollte Sinn! Ich wollte weniger reisen und weniger arbeiten. Letzteres ist nicht gelungen ...

STANDARD: Das Thema Lebensmittelverschwendung ist ab 2024/25 in den Lehrplänen verankert. Es gibt mittlerweile sehr viele Vereine auf dem Feld der Lebensmittelrettung, Armutsbekämpfung, Bewusstseinsbildung, der gesünderen Ernährung. Jahrelang tätige Ehrenamtliche gibt es fast nicht mehr, Warenspenden brechen weg. Wie positionieren Sie die Wiener Tafel jetzt?

Gruber: Wir erfinden uns neu! Unser Fokus rückt weg vom Lebensmittelhandel hin zum Feld, in die Lager, zu den Verpackern. Da wird viel verschwendet, so viel kommt nicht dort an, wo es eigentlich hinsoll. Dafür brauchen wir eine andere Logistik – schnell zehn Tonnen Erdäpfel vom Feld zu retten, das sind ganz andere Herausforderungen, die Produzenten sind ja meist auch nicht in Wien, wo wir schnell mal hinfahren können. Wir bauen gerade an einer digitalen Drehscheibe, bei der uns die italienische Schwestertafel hilft. Und im Zuge dessen bauen wir an einem bundesweiten Roll-out. In der Bewusstseinsbildung sind wir schon lange aktiv, beispielsweise in Kooperation mit der Boku oder mit Jugend am Werk. Wir wollen jetzt aber das Thema im Zuge der neuen Lehrpläne auch verstärkt zu Lehrerinnen und Lehrern bringen.

STANDARD: Bangen Sie um die Firmenspender, wenn nicht mehr selbstverständlich das Sponsorlogo durch die Stadt fährt, sondern die Logistik im Hintergrund zentral wird?

Gruber: Eigentlich nicht – was wir tun, zahlt unmittelbar in die Sustainable Development Goals, die SDGs eins, zwei und zwölf, ein. Ich hoffe, dass wir so einen noch wirkungsvolleren Konnex von Lebensmittelrettung und Armutsbekämpfung erreichen. Beim Zukunftsdialog Mitte September in Wien eröffnen wir ein großes Ideenlabor dafür.

STANDARD: Und persönlich? Lieben Sie Veränderung?

Gruber: Die Herausforderungen könnten ein bisschen weniger sein. Aber es ist wirklich schön, mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu arbeiten und soziale Innovation zu schaffen! Kleinkariertes Denken halte ich nicht gut aus. (Karin Bauer, 2.9.2023)