Menschen in Schock
Menschen in Kramatorsk nach einem russischen Raketenangriff.
REUTERS/Oleksandr Ratushniak

Pro: Nichts beschönigen

Die Bilder, die täglich aus der Ukraine daherkommen, sind wirklich schwer zu ertragen. Gerade wenn Leserinnen und Leser schon durch multiple Krisen strapaziert sind, drängt sich die Frage auf, ob man sie noch zusätzlich durch Fotos hingerichteter Männer und unter Trümmern begrabener Kinder belasten sollte.

Wir machen es uns aber zu einfach, wenn wir einen Krieg vor unserer Haustüre durch zu viele Filter so weit verwässern, dass er für uns erträglich wirkt. Das tägliche Morden darf nie erträglich sein. Es ist davon auszugehen, dass die politischen Verantwortungsträger hierzulande Informationen zu den Grauen des Krieges ungeschönt auf ihren Bürotischen präsentiert bekommen. Der Bevölkerung sollten diese Informationen auch nicht erspart bleiben – wie sollten sie sich sonst ein Bild davon machen können, ob sie mit der Reaktion der Politik auf die Verwerfungen mitten in Europa zufrieden sind?

Die Fotografinnen und Journalisten an der Front riskieren noch dazu jeden Tag ihr Leben, um uns einen Einblick in die grausame Wahrheit des Krieges zu offerieren. Um uns zu informieren.

Abgesichert durch Triggerwarnungen, Verpixelungen und Altersschranken sollten daher auch Bilder von im Krieg getöteten Menschen hergezeigt werden. Die Opfer, aber auch jene, die durch ihre Fotos Licht ins Dunkel der Kriegspropaganda bringen, haben sich das verdient. Wir müssen Wege finden, damit umgehen zu können, und Wege finden, damit es insgesamt weniger Leid auf der Welt zu fotografieren gibt. Die Tyrannei von Kriegsverbrechern nicht herzuzeigen ist kein solcher Weg. (Fabian Sommavilla, 1.9.2023)

Kontra: Würde wahren

Zeigen wir Bilder von Menschen, sind wir rechtlich und ethisch an einige Vorgaben gebunden. Dazu zählt, dass Privatpersonen im Normalfall mitentscheiden können, ob und wie sie gezeigt werden. Ein Toter kann sein Einverständnis nicht mehr geben. Das bedeutet aber nicht, dass ein lebloser Körper ohne Weiteres abgelichtet und gezeigt werden kann. Denn das Mitspracherecht daran, wie jemand gezeigt wird, sollte an die Menschen übergehen, die den Verstorbenen geliebt haben.

Die Würde eines Menschen erlischt nicht mit dem Zeitpunkt seines Todes. Natürlich kann man argumentieren, dass die Toten nichts mehr trifft – deren Angehörige aber umso mehr. Denn zum Verlust eines Menschen soll nicht das Trauma hinzukommen, ihn verletzt, verstümmelt und leblos zu sehen.

Es gibt die verschiedensten Reaktionen auf den gewaltsamen Tod eines Angehörigen, und keine davon ist falsch. Die Mutter des ermordeten Afroamerikaners Emmett Till ließ ihn bekanntermaßen öffentlich aufbahren, um das ganze Land mit den Folgen rassistischer Gewalt zu konfrontieren. Doch die Entscheidung darüber, ob man einen Menschen zum Symbol machen darf, liegt bei dessen Familie, nicht bei Fotograf:innen oder Redakteur:innen. Wenn – gerade in den Wirren eines Kriegs – nicht davon ausgegangen werden kann, dass sie befragt wurden, sollte man sich eher in Zurückhaltung üben. Krieg ist brutal. Die dazu nötige Vorstellungskraft ist den Menschen zuzutrauen. (Ricarda Opis, 1.9.2023)