Der Hafen in Yantai, China.
Eine Entkoppelung von China würde die Preise in Europa steigen lassen, sagt der Ökonom.
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Es ist neun Uhr früh, und Monika Rosen strotzt vor Energie. Die Vizepräsidentin der Österreich-Amerikanischen Gesellschaft moderiert am letzten Tag des Europäischen Forums Alpbach ein Panel über die Zukunft der Weltwirtschaft. Wie abhängig ist Europa von Asien und den USA? Muss sich der Kontinent aufgrund der Spannungen mit China neue Handelspartner suchen? Rosen schwingt ihre Arme und lässt die Titelmusik von James Bond durch den Raum schallen. Jene Forumsgäste, die vergangene Nacht schon gefeiert haben, sollen aufwachen.

Auch Europa ist nach der Corona-Krise und dem Angriff Russlands aufgewacht – und zwar in einer völlig anderen Welt, sagt Rosen und erntet bei ihren Mitdiskutanten Zuspruch. Neben ihr im Panel sitzen der neue Wifo-Chef Gabriel Felbermayr und der alte IHS-Chef Martin Kocher, der mittlerweile auf den Posten des Wirtschaftsministers (ÖVP) umgestiegen ist. "Wir haben hier am Panel zwar nicht die Lizenz zu töten, aber die Lizenz, Wirtschaftsprognosen zu erstellen", scherzt Rosen.

Vor der Prognose braucht es freilich eine profunde Analyse – und bei der sind sich die gelernten Ökonominnen und Ökonomen weitgehend einig: Europa hat jahrelang von billigen Energieimporten aus Russland und von einem wachsenden Markt in China profitiert. "Aber wir waren phasenweise ein bisschen naiv, was die Geopolitik rund um den Welthandel betrifft", sagt Kocher. Der lange beschworene "Wandel durch Handel" hat nicht funktioniert wie erwartet, ergänzt Felbermayr. Die Energieversorgung wurde nach Russland ausgelagert, die Produktion nach China, der Welthandel insgesamt auf Effizienz getrimmt. Über zunehmende Abhängigkeiten wurde selten diskutiert.

"Party ist vorbei"

"Jetzt wissen wir, dass die Party vorbei ist", sagt die Politikwissenschafterin und Ökonomin Katharina Gnath von der Bertelsmann-Stiftung, die ebenfalls im Panel sitzt. In Sachen China setzt die Europäische Union mittlerweile offiziell auf ein "De-Risking". Europa will sich zwar nicht gänzlich von der chinesischen Wirtschaft abkoppeln, seine Lieferketten allerdings schrittweise diversifizieren. Das Ziel ist mehr Unabhängigkeit – vor allem in kritischen Bereichen wie bei Medikamenten oder Rohstoffen, die für E-Autos benötigt werden.

Julian Hinz, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft, glaubt, dass die wirtschaftliche Bedeutung Chinas für Europa mitunter überschätzt wird. Die Europäische Union könne rasch unabhängiger werden, so wie das auch mit Russland passiert sei. Kocher sieht das ähnlich: "Die Erfahrung zeigt uns, dass sich Handelsvolumen sehr rasch verändern können, wenn es notwendig ist. Aber natürlich kostet das Geld." Felbermayr ergänzt: "Die Abkopplung von China werden vor allem die ärmeren Schichten bezahlen." Menschen mit geringem Einkommen haben bislang von den niedrigen Preisen chinesischer Importgüter profitiert. In ihrem Warenkorb haben Produkte aus China ein größeres Gewicht.

China ist freilich ebenso abhängig von Europa, darin sind sich die Wissenschafter einig. Und das Land kämpft derzeit mit eigenen Problemen: Der Wirtschaftsmotor brummt nicht mehr wie gewohnt, die Erholung nach der Corona-Krise fällt bescheiden aus. "Wird China sein Ziel, dieses Jahr fünf Prozent zu wachsen, noch erreichen?", will Rosen wissen. "In den offiziellen Zahlen der Regierung ganz sicher", scherzt Gnath. (Jakob Pflügl, 1.9.2023)