Dass Tech-Milliardäre in ungewöhnliche Vorhaben investieren, ist mittlerweile bekannt. Nun ist es wieder einmal so weit. In Solano County im Zentrum Kaliforniens soll eine Planstadt entstehen. Eingebettet zwischen San Francisco und Sacramento verspricht man sich dabei nicht nur fette Gewinne, sondern mediterran angehauchten Kitsch, autofreie Straßen und Häuser im amerikanischen Gründerzeitstil. Die vergangenen Jahrzehnte zeigen aber: Zentral geplante Städte sind selten erfolgreich.

Dass man in Kalifornien die Klimakrise zunehmend zu spüren bekommt und die Mieten teuer sind, bringt einige Probleme mit sich. Das Unternehmen California Forever will laut Eigenangabe die "Abwanderung" von Menschen aus der Region verhindern. Um den "Gräueln" bestehender kalifornischer Großstädte zu entkommen, soll nun also eine neue Stadt mit Wohnhäusern, einem Solarenergiepark, Obstgärten bestehend aus über einer Million neuer Bäume und zehntausenden Hektar neuer Parks und Freiflächen entstehen.

Ein gemaltes Bild im Stil eines Kinderbuchs. Menschen sitzen im Freien und unterhalten sich bei Getränken. Es sind Townhouses zu sehen, viel Grün, keine Autos. 
Die Naivität der von California Forever veröffentlichten Bilder überrascht dann doch.
California Forever

Zeichnungen im pastelligen Kinderbuchstil zeigen Cafés, paddelnde Kajakfahrer in einem Naturschutzgebiet, auf anderen Bildern sind Arbeiter zu sehen, die ein Solarmodul installieren. Die Bilder sind, so wird in einschlägigen Foren spekuliert, höchstwahrscheinlich KI-generierte Renderings.

Dafür kaufte man in den vergangenen Jahren still und heimlich große Flächen Land auf. Ein Umstand, der in der Region kaum zu positiver Resonanz führte. California Forever äußerte sich dazu: "Jetzt, da wir nicht mehr durch Verschwiegenheit eingeschränkt sind, freuen wir uns darauf, ein Gespräch über die Zukunft von Solano County zu beginnen."

Solano County liegt zwischen Sacramento und San Francisco.

Schillernde Finanzkapitalisten

Jan Sramek ist Gründer von California Forever. Seine Karriere startete im Jahre 2009 mit 22 Jahren bei der amerikanischen Investmentfirma Goldman Sachs. In der Recherche zeichnet sich ein Bild ab, das auf seine frühen Ambitionen schließen lässt. Während viele junge Menschen seines Alters damit beschäftigt waren, ihr Studium abzuschließen, in Parks herumzulungern und das süße Leben auszukosten, verwaltete Sramek bereits Millionen Dollar im Spiel des Finanzkapitalismus. Sein anscheinend größtes Vorbild: Peter Thiel.

Der Werdegang von Sramek ist ein Aufstieg, der nur wenigen gelingt. Aufgewachsen in Moravia, einem Dorf in Mähren, Tschechien. Als Sohn eines Mechanikers und einer Lehrerin, schafft er mit Stipendien den Sprung nach England. Dort studiert er unter anderem Wirtschaftsmathematik an der London School of Economics, bis er zu Goldman Sachs wechselt.

Im Winter 2009 verriet er dem "New York Magazine": "Ich möchte in einer Position sein, in der ich etwas verwirkliche, und zwar aus einer Position der Macht heraus", und fügte hinzu, dass Reichtum notwendig sei, "um den nötigen Einfluss zu bekommen oder zu versuchen, die Dinge anders zu machen". Zum "Evening Standard" sagte er: “Finanzmärkte sind ein faszinierendes Puzzle. Ich liebe die intellektuelle Challenge. Andererseits möchte ich auch Dinge bauen und verwirklichen." Nun also gleich eine ganze Stadt.

Steppenartiges Brachland mit kaum Vegetation. 
Besagtes Land in Solano County, Kalifornien.
California Forever

Leben und Tod der Planstädte

Planstädte in die Wüste zu stellen macht derzeit Schule. Aktuellstes Beispiel dafür: Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, ist drauf und dran, seine Megastadt "The Line", Teilprojekt von "Neom" bauen zu lassen. Um ein Leben in solch unwirtlichen Bedingungen überhaupt zu ermöglichen, bedarf es eines enormen technischen Aufwands. Es werden Entsalzungsanlagen gebaut, mit denen dem Wasser Mineralien und Salze entzogen werden. Der Raubbau an der Natur wird von Expertenseite als "ökologisches und moralisches Desaster" bezeichnet. Die extremen Umweltbedingungen und der Versuch, eine Stadt als Linie zu bauen. Es gibt etliche Gründe, warum solche Städte auch sozial nicht funktionieren. Dass Städte wie ein Organismus wachsen müssen, sagte auch Architekt Martin Zechner dem STANDARD zu diesem Thema im Februar 2023. Es gebe einen Grund, warum sich Städte normalerweise kreisrund entwickelten. Alltägliche Wege sind kürzer, die Versorgung mit Strom und Wasser effizienter.

Eine verspiegelte Struktur wirft einen Schatten auf das Meer. 
Das Projekt "Neom" des saudischen Kronprinzen findet seinen Höhepunkt in einer 500 Meter hohen, in einer Linie aufgestellten Struktur, mittlerweile bekannt als "The Line", am Roten Meer.
APA/AFP/NEOM

Auch die Idee der Smart City ist Teil von "The Line", inklusive Bedenken zu Privatsphäre und Datensicherheit. Die ist genauso eine Utopie wie vorangegangene Planstädte. Der Begriff wurde in den 1990ern erstmals vom Digitalriesen IBM verwendet und beschreibt letztlich eine städtische Agglomeration, gefüttert und gesteuert mit großen Datenmengen – idealerweise zum Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner. Versuche, solche Städte oder Stadtteile in den USA zu bauen, gab es einige. Jüngst scheiterte auch Alphabet, die Mutterfirma von Google, daran.

In Toronto sollte "Sidewalk Labs" die Vision einer digitalen smarten Stadt realisieren. Google stellte mit Veröffentlichung der Pläne ein eigenes Büro in Toronto ab – bestehend aus Stadtplanerinnen und -planern sowie PR-Expertinnen und -Experten. Das Projekt wurde von Verfechtern des Datenschutzes heftigst kritisiert. Alphabet aber sah eine "durch Innovationen in Technologie und der Stadtgestaltung grundsätzlich nachhaltigere und erschwinglichere Gemeinschaft" in seinem Projekt visualisiert. Als die Größe des Projektplans von rund fünf Hektar auf knapp 77 Hektar skaliert wurde, stieß der gemeinsame Wille an seine Grenzen. Nach einigem Hin und Her wurde das Projekt 2020 schließlich als "unfinanzierbar" abgestellt, und die Gespräche zwischen der Stadtverwaltung und Alphabet wurden eingestellt.

Bestehende Probleme werden ignoriert

California Forever verspricht einen partizipativen Ansatz. Nach außen hin zeigt sich das Projekt als bürgernah und angreifbar. Als nächster Schritt wird nun das Gespräch mit der derzeitigen Stadt- und Regionalverwaltung gesucht. Im zweiten und dritten Schritt werden Bürgerinnen und Bürger direkt nach ihren Wünschen gefragt, unter anderem mit einem "Gemeinschaftsbeirat" und Büros in den Orten Fairfield und Vacaville. Im Vorhinein sollen bereits 2.000 Anwohner befragt worden sein. Die Herausforderungen für Anwohner werden auf der Website des Unternehmens California Forever angesprochen und sind daher auch bekannt. Denn in Kalifornien gibt es bereits eine Stadt, die mit Gründerzeithausästhetik, Meerzugang und Fußläufigkeit aufwartet: San Francisco.

Das wirft die Frage auf, warum sich Milliardäre nicht direkt mit bestehenden Problemen in San Francisco beschäftigen. San Francisco hat enorme Probleme mit leistbarem Wohnraum. Es gibt schlicht zu viele Büros und zu wenige Wohnungen. Im Innenstadtgebiet zählt man daher rund 7.500 Obdachlose, noch mehr Menschen sind wohnungslos und kommen bei Freunden oder der Familie unter. Die Situation in der Innenstadt San Franciscos wurde, auch wegen der mit der Verzweiflung der Menschen einhergehenden Kriminalität, zu einem in den USA heiß diskutierten politischen Thema.

Mehrere Zelte reihen sich am Bürgersteig der Innenstadt. 
Zelte wie diese gehören mittlerweile zum Stadtbild in San Francisco.
AP/Jeff Chiu/File

Lokalpolitiker, die sich bereits mit California-Forever-Gründer Sramek getroffen haben, erklärten, er habe schlichtweg keinen Plan, wie man den Wohnraum auch erschwinglich machen könnte. Würden die von wenigen Superreichen kontrollierten Finanzen in die Erneuerung und den Ausbau von (teilweise bereits bestehender) Infrastruktur gesteckt, könnten wohl wesentlich mehr Menschen davon profitieren. Es gilt aber ohnehin noch etliche politische, planerische und ökonomische Hürden zu überspringen, um die trockene, derzeit brachliegende Region in eine lebenswerte Stadt zu verwandeln. Wer sich den Wohnraum dort leisten können wird, ist fraglich. Ob die Pläne ernst gemeint sind oder ob sie sich letztlich wieder in Sand und Rauch auflösen, wird sich zeigen. (Sebastian Lang, 5.9.2023)